Rückblick 2010: Die Aufreger des Literaturjahres

Alles nur geklaut

Diebisches Wunderkind: Helene Hegemann (oben) sorgte mit ihrem Bestseller „Axolotl Roadkill“ und abgeschriebenen Textstellen für den Skandal des Jahres.

Vielleicht wird 2010 in die Literaturgeschichte eingehen als das Jahr, in dem der Applaus in die Buchwelt einzog. Der Buchhändler Amazon sorgte für Furore, weil Kunden in seinem elektronischen Lesegerät Kindle nicht nur Textstellen markieren, sondern diese auch in die digitale Welt hochladen können. Streichen mindestens drei Leser die gleiche Stelle an, laden andere diese mit dem gekauften Buch auf ihr Gerät. Die für jeden sichtbaren Markierungen sind wie das gemeinsame Lachen an den besten Stellen einer Kinokomödie. Wir haben markiert, was uns in diesem Literaturjahr noch so aufgefallen ist.

Kopieren geht über studieren: Der Fall Helene Hegemann. Erst war Helene Hegemann das Wunderkind und dann nur eine hinterhältige Diebin. „Unvergessliche Literatur“, urteilten Kritiker im Januar über den Debütroman der damals 17 Jahre alten Berlinern. Als jedoch herauskam, dass Hegemann für „Axolotl Roadkill“ von dem Blogger Airen abgeschrieben hatte, gab es einen Aufschrei.

Die Schulschwänzerin war sich keiner Schuld bewusst, was viel sagt über ihre Generation, für die die Kultur des Bloggens vor allem eine Kultur des Zitierens ist. Mittlerweile macht Hegemann ihr Fernabi, eine Bühnenfassung ihres Romans wurde am Hamburger Thalia Theater gefeiert, und Zoohändler sind dankbar, dass das Buch nach dem Schwanzlurch Axolotl benannt wurde: Der Umsatz mit den Tieren soll sich verdoppelt haben.

Dänen lügen nicht: Der Erfolg des Krimi-Autors Jussi Adler-Olsen. Dass er in seiner Heimat ein Jahrzehnt auf den Erfolg warten musste, dafür hat der Däne Jussi Adler-Olsen eine einfache Erklärung. Seine ersten drei Krimis seien „ziemlich dick“ gewesen, und die „Kritiker hatten nicht so viel Zeit“. Mittlerweile können seine Geschichten um Carl Mørck vom Kopenhagener Sonderdezernat Q nicht dick genug sein. Mit „Erbarmen“ und „Schändung“ hat es der 60-Jährige in die Top Fünf der Bestseller gebracht und sogar Henning Mankell und Stieg Larsson abgehängt.

Überraschung beim Deutschen Buchpreis: Melinda Nadj Abonji stach die Favoriten aus. Als Melinda Nadj Abonji zur Gewinnerin des Deutschen Buchpreises gekürt wurde, gab es viele Fragezeichen. Den Namen der in Serbien geborenen Ungarin, die als Kind in die Schweiz kam, ohne ein Wort Deutsch zu können, hatten bis dahin nur die wenigsten gekannt. Anders als Uwe Tellkamps „Der Turm“ schaffte es ihr Roman „Tauben fliegen auf“ nur kurzzeitig auf die Bestsellerliste. Trotzdem war die Entscheidung der Jury für die 42-Jährige aus Zürich richtig. Denn der Buchpreis dokumentiert so die Vielfältigkeit der deutschsprachigen Literatur.

Späte Enthüllungen: Oskar Pastior als Spitzel. Für Herta Müller war es „wie eine Ohrfeige“, als sie im September erfuhr, dass ihr langjähriger Weggefährte Oskar Pastior Spitzel des rumänischen Geheimdienstes Securitate war. Für ihren Roman „Die Atemschaukel“ hatte sich die Nobelpreisträgerin von dem Lyriker und Übersetzer inspirieren lassen. Später wurde zudem bekannt, dass Pastior den Lyriker Georg Hoprich bespitzelte, der 1969 Selbstmord beging. „Mit der Unschuld ist es nun vorbei“, sagte Müller.

Der Sachbuch-Aufreger: Thilo Sarrazin schafft sich als Bundesbanker ab. Zu „Deutschland schafft sich ab“ ist alles gesagt.

Ist digital besser? Der Aufstieg der E-Book-Reader. Wer bislang ein Lesegerät für elektronische Bücher hatte, klagte meist, dass ihm etwas fehle - etwa der Geruch des Papiers. Auch die neue Generation von Kindle und Co. riecht nicht nach Buch. Und trotzdem entwickelten sich E-Reader im Weihnachtsgeschäft zum Verkaufsschlager. Bei Thalia etwa rangierte der Oyo unter den fünf meistverkauften Produkten. Für das nächste Jahr rechnen Experten mit „exponentiellem Wachstum“. Aber hatten wir das 2009 nicht auch schon gehört?

Von Matthias Lohr

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