Inspizientin Felicia Strachow sorgt bei Oper „Faust“ für reibungslosen Ablauf

Schaltzentrale Inspizientenpult: Hier gibt Felicia Strachow über ein Mikrofon ihre Anweisungen an Sänger, Licht und Technik. Fotos: Dowe

Kurz vor der Vorstellung wird Felicia Strachow noch einmal ganz still. Felicia Strachow ist Inspizientin an der Oper des Staatstheaters Kassel.

Um sie herum zupfen Sängerinnen ihre pompösen Kleider zurecht, flüstern aufgeregt durcheinander, rollen die Schultern – Lockerungsübung. Kabelträger und Lichttechniker laufen im Eilschritt hin und her, doch diese aschblonde Frau mit dem ernsten Ausdruck scheint das nicht zu berühren. Selbstversunken sitzt sie an ihrem Pult neben der Bühne, vertieft in ihr Skript. Darin sind alle Vorgänge, Lichtstimmungen, Auf- und Abgänge dokumentiert.

Auf den ersten Blick würde man Felicia Strachow in diesem Ameisenhaufen gar nicht wahrnehmen, und doch wartet alles auf ihr Kommando. Gleich wird sie das Zeichen zum ersten Akt von „Faust“, der Oper nach Charles Gounod, geben. Die Zuschauer bekommen sie nie zu Gesicht, und doch ist sie ein wesentlicher Teil jeder Vorstellung. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Sie ruft die Sänger auf, gibt während der Vorstellung die Kommandos an Ton und Technik.

Während Felicia Strachow noch kurz in sich geht, pudert einige Räume weiter Maskenbildnerin Regina Held noch die letzte Sängerin des Chors ab, bevor es für das Ensemble ernst wird. Tae Ozaci scherzt so gegen die Nervosität an, dass man ihr sie fast nicht abnehmen würde: „Ich bin jedes Mal aufgeregt“, erzählt die quirlige Japanerin. Ihr Gesicht ziert bereits ein leuchtend rotes Kreuz. Tae ist eine der mephistophelischen Schatten im Faust, doch halb geschminkt im Bademantel hat sie noch wenig Diabolisches an sich.

Inzwischen ist sie festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Kassel im Opernchor. Eine bunt durchmischte Gruppe von mindestens 20 Nationen. Entsprechend ist das Stimmengewirr in der Garderobe. Da wird auf Italienisch noch einmal der Sitz des Kleides diskutiert, da wird auf Japanisch geflucht, wenn etwas danebengeht. Doch in erster Linie spricht man Deutsch. Wenn es ein Musterbeispiel gelebter Integration gibt, ist es dieser Ort inmitten von Perücken, Haarsprayflaschen und Make-up-Tiegeln.

Rundumblick durch Kameras

Zurück in der Schaltzentrale von Felicia Strachow. Das Inspizientenpult erinnert an ein Flugzeugcockpit. Und der Vergleich liegt nahe, denn der Job erfordert die Konzentration eines Piloten. „Es liegt in meiner Verantwortung, ob die Sänger ihren Beruf richtig ausüben können oder nicht“, sagt die Inspizientin.

Kleine Missgeschicke gibt es gelegentlich trotzdem. „Wir sind Menschen.“ Sie gibt eine Anekdote preis: „Als ich noch neu in dem Job war, habe ich einmal versehentlich zu früh das Licht abgeschaltet. Dann standen die Sänger im Dunkeln.“ Die Geschichte hatte sie damals als mittlere Katastrophe empfunden. Mit der Zeit ist sie gelassener geworden. Vor der Vorstellung sind noch knarzige Töne von Geigen zu hören, die Instrumente werden ein letztes Mal überprüft. Dann gibt Felicia Strachow über ein Mikro das entscheidende Zeichen: „Achtung, Vorstellung läuft.“

Der Platz am Inspizientenpult ermöglicht einen offenen Blick auf die Bühne. Kameras im Foyer und solche, die auf die Zuschauerränge gerichtet sind, ermöglichen die maximale Kontrolle. In Sekundenschnelle gibt Felicia Strachow ihre Anweisungen durch. „Achtung, Lichtstimmung 3, das Mädchen, das Mädchen.“

Nicht nur bei der Inspizientin meutert jetzt das Adrenalin. Aufgang, Abgang. Auf den Seitenbühnen drängeln sich rätselhafte Gestalten. Ein junges Mädchen stürmt in einer prunkvollen Robe mit Schleppe von der Bühne. An ihren Händen bunte Luftballons. Ein grell geschminkter Mann in Frauenfummel wirft einen nervösen Blick auf das Pult.

Dann das erlösende Zeichen zur Pause. Applaus brandet auf, und Felicia Strachow atmet tief durch – zumindest für zehn Minuten.

Von Kristin Dowe

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