Die Schauspielerin Agnes Mann verlässt nach sechs Jahren das Kasseler Staatstheater - Abschied am Sonntag

„Alles ist live, nichts perfekt“

Mal in blond: Als Frau Habersatt in Dea Lohers „Unschuld“.

Kassel. Der Star des Kasseler Schauspielensembles verlässt das Staatstheater: Agnes Mann hat in den vergangenen sechs Jahren große Rollen gespielt: Sally Bowles in „Cabaret“, Olga in „Drei Schwestern“, Lulu, Maria Stuart, Alkmene in „Amphitryon“ und viele mehr. Sie war umjubelt und prägte mit ihrer Intensität und Verletzlichkeit die Bühne. Die 32-jährige Berlinerin wird künftig frei arbeiten. Wir baten sie, zum Abschied Aussagen zu vervollständigen.

Meine spannendste Theatersituation: Als ich in „5 x 2“ dem Baby eine Geschichte vorlesen sollte, der Text aber nicht bereitlag. Ich habe nicht improvisiert, sondern gesagt, „die Mama hat die Geschichte nicht“ und bin hinter der Bühne suchen gegangen. Minutenlang ist nichts passiert - das war absolut Panik, Blackout.

Mein schönster Moment: Es gibt viele, aber als wir „Lulu“ zum letzten Mal gespielt haben, waren alle im Team so wach, so offen und emotional. Ich hätte niemandem begegnen dürfen, der weint, sonst hätte ich sofort mitgeweint.

Am meisten abverlangt hat mir ... Sally Bowles in „Cabaret“. Zum Spielen noch zu singen und zu tanzen hat mir Druck gemacht. Ich bin so, ich stehe mir oft selbst im Weg.

Meine tollsten Rollen: Judith, Maria Stuart, Cleopatra. Was mich reizt, sind die Widersprüche einer Figur. Zwischen Verletzlichkeit und immenser Kraft. Ich mag Figuren, die spielen – das ist vor allem Lulu. In diesem Stück treffe ich auf zehn Kollegen, und bei jedem funktioniere ich anders. Meine Lieblingsfiguren zeichnen sich durch eine besondere Sprache aus, sind fix im Kopf, lebensbejahend, verführerisch. Alles, wovon man wünschen würde, dass man es selbst auch öfter wäre.

Ich gehe weg, weil ... ich neue Herausforderungen suche. Ich will sehen, wie Theater anderswo ist. Ich habe so viel gearbeitet, ich bin jetzt mit 32 in einem Alter, wo ich mich frage: Was will ich? Gibt es auch ein Privatleben?

Am freien Arbeiten reizt mich besonders ... mir ein zweites Standbein neben der Schauspielerei aufzubauen. Dozentin sein, Singen, Film: Das hilft, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und das wird sich auch aufs Theaterspiel auswirken.

Auf der Bühne fürs Leben gelernt habe ich ... nun ja, auf der Bühne kann man die Dinge meist besser als im richtigen Leben. Ich habe jedenfalls gelernt, dass die Bühne nicht alles sein kann. Dass die Dinge sich jederzeit ändern können. Alles ist live. Nichts perfekt.

Ich möchte künftig mehr ... auf mich achten und mich nicht mehr verlieren. Vielleicht ist genau jetzt die Zeit, sich noch mal neu zu erfinden.

An Kassel vermissen werde ich ... das Chacal, Bashi, den Kiosk am Kirchweg, das treue Publikum und das tolle Ensemble, bei dem alle wollen, dass ein Abend gut wird. Hier ist kein Platz für Eitelkeiten.

In Berlin freue ich mich ... auf meinen ersten Kaffee in der neuen Wohnung und auf meine Freunde, die bitte alle zu erscheinen haben.

Agnes Mann ist zu erleben heute, 20 Uhr, beim Musikfest im Südflügel des Kulturbahnhofs mit einer Rezitation), am Sonntag steht sie ab 19.30 Uhr im Schauspielhaus auf der Bühne in „Wir lieben und wissen nichts“. Mit diesem Stück wird sie auch in der nächsten Spielzeit zu sehen sein.

Von Bettina Fraschke

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