Teresa Margolles’ eindringliche Kunst ist eine Anklage gegen den Drogenkrieg im Norden Mexikos

Wo der Tod allgegenwärtig ist

Symbol für tägliche Gewalt: In der Schule von Guadalajara versammeln sich 289 Schüler zur Schweigeminute - Bild aus Teresa Margolles’ Video „Verkörperlichung der Abwesenheit“. So viele Jugendliche wurden allein im September in Ciudad Juárez getötet. Fotos:  Socher

Kassel. Die 38-jährige Hermila García Quiñones war erst seit 50 Tagen Polizeichefin von Meoqui, als ihr am Montag voriger Woche Killer auflauerten. Ihr Körper wurde außerhalb der mexikanischen Kleinstadt an einer Straße gefunden. Am Mittwoch stellten Unbekannte in Ciudad Juárez dem Kommandanten Alvaro Gilberto Torres Ramírez eine Falle, sie töteten den 41-Jährigen in dessen Wagen. Am Samstag wurden in der mexikanisch-amerikanischen Grenzstadt aus einem fahrenden Auto vier Beamte erschossen, ein zehnjähriges Mädchen dabei verletzt, vorgestern vier Bewohner zweier Drogenentzugszentren von Bewaffneten getötet.

Der Tod ist allgegenwärtig im Drogenkrieg im Norden Mexikos, von dem selten Nachrichten nach Europa dringen. Teresa Margolles holt ihn in europäische Museen. In der Kunsthalle Fridericianum in Kassel ist eine Ausstellung der 47-Jährigen von unerhörter Intensität und Präsenz zu sehen, verdichtet, konzentriert und gleichermaßen zurückhaltend und eindringlich.

Der Titel, „Frontera“, Grenze, verweist auf die Grenzlage der vom Drogenkrieg erschütterten Städte nahe den USA wie auf die „beispiellose Überschreitung von ethischen und moralischen Grenzen“, wie Rein Wolfs, Direktor der Kunsthalle, sagt. Sie bringt aber auch die Besucher ihrer Ausstellungen an Grenzen.

Ein Netzwerk von Assistenten hilft Margolles, Relikte und Materialien des Drogenkriegs sicherzustellen. Daraus entsteht ihre minimalistische, aber emotional hoch aufgeladene Kunst.

Wasser tropft aus großer Höhe auf sechs Meter mal 60 Zentimeter große, heiße Stahlplatten, zischt und verdampft. Bestandteil der Flüssigkeit ist Leichenwaschwasser von Friedhöfen im Norden Mexikos. Einen meterlangen, nur winzigen Schnitt in eine Wand hat Margolles mit einer Mischung aus Körperfett von Ermordeten mit Glyzerin verfüllt. Zwei Mauern, vor denen Menschen erschossen wurden, hat sie abtragen lassen und im Fridericianum wieder aufgebaut. Die später von Polizisten markierten Einschusslöcher sind noch zu sehen.

Die Fenster des Fridericianums sind von außen verdeckt durch Tücher, die Margolles an Mordstätten durch den blutgetränkten Boden gezogen hat. Die 40 mit Erde imprägnierten Tücher wurden wie Gemälde auf Rahmen aufgezogen. Aus Glassplittern, die an Tatorten gefunden wurden, ließ sie Schmuck herstellen. Wie Auslagen im Juweliergeschäft sind Uhren, Ketten und Armreife drapiert - Symbole für Vergänglichkeit, für versäumtes, verlorenes Leben.

„Ya basta hijos de puta“, lautet der Schriftzug auf einer Wand, „genug, ihr Hurensöhne“. Das war mit Textmarker auf dem Körper einer in Tijuana enthaupteten Frau geschrieben. Margolles’ Ausstellung ist eine einzige Anklage gegen Gewalt und Tod, ihre Werke sind Mahnmale, das Fridericianum gleicht zurzeit einer Gedenkstätte.

Von Mark-Christian von Busse

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