Ausstellung in Wuppertal feiert „Sturm“-Galerie als Zentrum der Avantgarde des 20. Jahrhunderts

Das Alte wurde hinweggefegt

Abstrakte Farbklänge: Wassily Kandinskis Gemälde „Herbst II“ (1912). Foto: Von-der-Heydt-Museum

Wuppertal. Der Berliner Galerist Herwarth Walden kündigte 1913 seine Werkschau des umstrittenen Malers Wassily Kandinsky so an: „Das Stärkste, was morgen heute bietet.“ Den Slogan kann man getrost auf Waldens gesamtes Programm beziehen. Denn was nach seinem Urteil das Stärkste von heute für morgen war, schmückt inzwischen das Madrider Museo Thyssen-Bornemisza, das Pariser Centre Pompidou, das New Yorker Museum of Modern Art und viele andere berühmte Kunstsammlungen in aller Welt.

Diese Museen gehören zu den Leihgebern der grandiosen Schau, die im Wuppertaler Von der Heydt-Museum anhand von über 200 Gemälden, Grafiken und Skulpturen von 75 europäischen Künstlern Herwarth Walden und seine von 1912 bis 1929 existierende „Sturm“-Galerie feiert.

„Der Sturm“ wollte das Alte und Rückständige hinwegfegen, stand für gesellschaftliche und ästhetische Erneuerung. Die Galerie war Deutschlands führendes Forum der internationalen Avantgarde, wie die Ausstellung veranschaulicht.

Schon der erste Saal ist überwältigend. Gemälde der von Franz Marc und Wassily Kandinsky angeführten Künstler des „Blauen Reiter“ sind versammelt. Kandinsky ist mit dem Gemälde „Herbst II“ (1912) vertreten: abstrakte Farbklänge in Gelb und Blau, Rosa und Grün. Links ist in starker Formvereinfachung das Schloss von Murnau zu sehen. Franz Marcs Gemälde „Stallungen“ (1912) besticht durch prismatisch leuchtende Farbenpracht, die die Pferde in gleichsam überirdische Erscheinungen verwandelt.

Walden war der erste, der in Deutschland die italienischen Futuristen vorstellte. Ihnen ging es um die Darstellung der Gleichzeitigkeit verschiedener Geschehnisse und Wahrnehmungen, wie etwa Umberto Boccionis Gemälde „Simultanvision“ (um 1912) zeigt.

Einer der zentralen Künstler für Walden war der Franzose Robert Delaunay. Er ist mit dem Bild „Die drei Fenster, der Turm, das Rad“ (1912), das lichterfüllte Malerei in prismatisch gebrochenen Farben präsentiert, herausragend vertreten. Auch Marc Chagall verdankte sein Deutschlanddebüt Walden. Ausgestellt ist „Die fliegende Kutsche“ (1913). Nach dem Ersten Weltkrieg konzentrierte sich Walden auf die Präsentation des mit geometrischen Formen arbeitenden Konstruktivismus. Das belegen Willi Baumeisters „Figur mit Streifen auf Rosa“ (1920) und das Gemälde „QXX“ (1923) des Ungarn László Moholy-Nagy, das mit rotem Kreis und anderen geometrischen Formen auf schwarzem Grund in kosmische Gefilde entführt.

Bis 10. Juni, Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, Tel. 0202/5636231, www.sturm-ausstellung.de. Katalog/Aufsatzband je 25 Euro, zusammen 40 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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