Isländersagas - Die ungewöhnlichste Erzählliteratur des Mittelalters, einzigartig in ihrer Modernität

Die alten Geschichten wirken nach

Mythische Landschaft: Die Natur Islands ist durchzogen von dampfenden Geysiren - Nährboden für Geschichten und Märchen. Foto:  dpa

Ich mag kein Geschwätz, das behindert die Erzählung nur. Schauen Sie sich die Isländersagas an, genau das ist das Besondere an ihnen: Sie sind in einem wirklich klaren Stil geschrieben. Wenn Sie lernen wollen, wie man eine gute Geschichte schreibt, lesen Sie die Sagas“, sagt der bekannte isländische Krimiautor Arnaldur Indriason in einem Interview zum Auftritt Islands als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Skandinavische Krimis sind heute sehr beliebt. Isländersagas sind auch Krimis - aber vor dem historischen Hintergrund des 9. bis 11. Jahrhunderts, aufgeschrieben überwiegend im 13. und 14. Jahrhundert in einer Sprache, die auf Island noch heute gesprochen wird.

Die Sagas schildern die Besiedlung Islands durch Norweger, Wikinger, die sich nicht der Alleinherrschaft des norwegischen Königs Harald Schönhaar unterwerfen wollten. Die mit Selbstbewusstsein ihre Freiheit verteidigten, die 930 in Thingvellir das Allthing gründeten, eine Volksversammlung, eines der ersten Parlamente der Welt. Die im Jahr 1000 auf dem Allthing letztlich einen Schiedsspruch annahmen, um langwierige kriegerische Auseinandersetzungen mit dem norwegischen König zu vermeiden.

Es ging um die Annahme des Christentums - unter stillschweigender Beibehaltung der bisherigen Götterwelt. Aber die Sagas erzählen auch von den Schiffsfahrten nach England, Schottland, den Faröern und Hebriden, nach Grönland und Amerika. Oft ging es dabei um Ruhm und Raub.

Widersprüchliche Helden

Als eigensinnig, klug, kämpferisch und oft widersprüchlich werden die Sagahelden beschrieben. Grettir, Egil, Njál sind solche Namensgeber von Sagas, und in Reykjavik sind noch heute Straßen nach ihnen benannt.

Sie werden in den Erzählungen dargestellt über ihr Handeln, nur selten über ihre Gefühle. Und es gibt ungewöhnlich starke, kraftvolle Frauenfiguren in den Sagas, die oft autonom handeln und auch ihre Rache kompromisslos durchsetzen.

Mord und Totschlag, Liebe und Intrigen, Macht und Ohnmacht, List und Tücke, kurz: Verwicklungen aller Art geben Einblick in die Vorstellungswelt der damals lebenden Menschen, und das in klarer, knapper Sprache. Ironie und Witz beleben die Geschichten, die Dialoge. Der lakonische Stil, der die scheinbare Objektivität der Isländersagas unterstreicht, wirkt sehr modern.

Der deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson bilanziert: „Es sind einzig und allein die mittelalterlichen Handschriften, die den Isländern etwas über ihre Vergangenheit erzählen. Durch diese Texte haben die Isländer auch über Jahrhunderte dänischer Kolonialherrschaft ihre kulturelle Identität bewahrt - ohne die alten Sagas gäbe es das gegenwärtige Island nicht.“

Kristof Magnusson ist maßgeblich an der Neuübersetzung der Isländersagas im S. Fischer Verlag beteiligt, die jetzt zur Buchmesse vorliegt.

64 Sagas und Erzählungen erscheinen in vier Bänden, ergänzt um einen Begleitband mit wissenschaftlichen Zusatzinformationen.

Die Isländersagas, Herausgeber: Klaus Böldl / Andreas Vollmer / Julia Zernack, vier Bände mit einem Begleitband, S. Fischer, 98 Euro.

Von Marlis Wilde-Stockmeyer

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