Europadebüt: Walton Fords „Bestiarium“ in Berlin

Amerikas Star

Löwe gegen Tiger: Ausschnitt aus „Royal Menagerie at the Tower of London - 3 December 1830“ von 2009.

Berlin. Er malt wilde Tiere und meint und mahnt doch uns Menschen. „Ich denke, ich lege eine Art Kulturgeschichte dessen vor, wie die Tiere nach Maßgabe menschlicher Vorstellung leben“, sagt Walton Ford. Der Amerikaner gibt in Berlin sein Europadebüt. Bald 50 Jahre ist der Maler alt und wird in seiner Heimat so heiß geliebt und gesammelt, dass es für den Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, schwer war wie nie in seinem Berufsleben, die Leihgaben zu ergattern.

Kittelmann sieht das als Zeichen für die hohe Qualität der Bilder, dass kein Privatsammler oder Museum sich davon trennen wollte und es unendlicher Überredungskünste bedurfte, 25 Großformate zu erhalten. Nun hat es also geklappt, und das „Bestiarium“ im Hamburger Bahnhof kann sich sehen lassen: Wölfe auf dem Schlachtfeld von „Borodino“, die sich am toten General laben, der in Napoleons Armee starb, der Eisbär im Vanitas-Stillleben und immer wieder Affen, diese Spitzbuben.

„Immer ist es eine Auseinandersetzung damit, wie wir uns die Welt untertan gemacht haben“, kommentiert Kittelmann die Bilder des Kunstbetrieb-Außenseiters, den er für „sehr zeitgenössisch“ hält. Dies betont er gern, wird er angesichts der altmodischen Aquarellmalerei des Mannes, der in den Bergen von Massachusetts lebt, doch oft gefragt, was an diesem Altmeister zeitgenössisch sei: Seine Großformate erinnern an und zitieren Natur- und Tierdarstellungen aus dem 19. Jahrhundert. Doch der vermeintliche Widerhall vergangener Kolonial-Zeiten paart sich in den narrativen Arbeiten mit zeitloser Aktualität.

Schon als Kind in Larchmont bei New York wollte Ford Künstler werden, sein Bruder wurde Naturkundemaler, auch er las und zeichnete lieber, als Football zu spielen oder Hausaufgaben zu machen. „Ich lese immer“, erzählt er, und dass ihn Bücher inspirieren, etwa Schriften von Naturforschern, nicht die Tiere in der Natur.

Lernen kann der Besucher auch was. Man erfährt etwa, dass es im 19. Jahrhundert gang und gäbe war, Pflanzen und Tiere in neue Weltgegenden zu importieren. So wurde der Star durch Eugene Schieffelin (1827-1906), der 1890 einen Schwarm dieser Vögel in den New Yorker Central Park entließ, in Nordamerika eingeführt.

Ansichten und Einsichten vom Star und seinen gefräßigen Artgenossen, dem Löwen, der mit dem bengalischen Tiger kämpft, oder dem Gorilla, den der Mensch irgendwann komplett ausgerottet haben wird, sind zu besichtigen. Immer dezent allegorisch, nie blutrünstig, sowie akribisch genau und schön farbenprächtig. Die Schau dürfte ein Publikumsmagnet werden.

Bis 24. Mai, Hamburger Bahnhof. Anschließend wandert die Ausstellung in die Albertina nach Wien. Infos: www.waltonford.org Das Buch „Walton Ford: Pancha Tantra“ (Taschen) kostet 49,99 Euro.

Von Andrea Hilgenstock

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