Schon zum Auftakt ein eigenes Profil

TV-Kritik zum "Literarischen Quartett": Ein amüsanter Schlagabtausch

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In bester Spiellaune: Maxim Biller (von links), Christine Westermann, Volker Weidermann und Juli Zeh.

Vor der Ausstrahlung der Neuauflage des "Literarischen Quartett" und nach dem Tod des früheren Mitglieds Hellmuth Karasek stand die Frage im Raum, ob die neue Generation so debattieren kann, wie zu Reich-Ranickis Zeiten. Antwort: Klar, aber lockerer.

Zwei Verbeugungen gab es: Gastgeber Volker Weidermann schloss sein erstes „Literarisches Quartett“ mit einem Marcel-Reich-Ranicki-Zitat. Nicht mit dem legendären mit dem geschlossenen Vorhang und den offenen Fragen. Er erzählte vielmehr, dass „MRR“ am Ende langer Gespräche stets gesagt habe: „Kopf hoch“. Und über den Abspann der Sendung wurde ein kurzer Einspieler gelegt, in dem das gerade gestorbene frühere „Quartett“-Mitglied Hellmuth Karasek darüber spricht, dass Literaturkritiker sich im Kritisieren auch selbst entblößen.

Eine schöne Geste für die Sendung, deren Neuauflage mit Spannung erwartet worden war. Kann diese neue Rezensentengeneration so debattieren, wie es Fans von Ranickis Runde liebten? Fazit: Klar, aber viel lockerer. Die Sendung gewann so - zum Glück - ihr eigenes, überzeugendes Profil. Die spürbare Aufregung, unter der alle zu Beginn litten, war dabei durchaus sympathisch.

Beim Debattieren positionierte sich die Stammmannschaft Weidermann, Christine Westermann, Maxim Biller und Gast Juli Zeh zwar so gegensätzlich, dass Weidermann schließlich Spielstände festhielt wie auf dem Fußballplatz - Juli Zeh verlor mit dem von ihr vorgestellten Buch von Ilja Trojanow demnach mit 1:3.

In aller Opposition blieben die Diskussionsfronten aber offener, durchlässiger, vor allem Weidermann zeigte sich nicht als Hardliner, sondern ging auf Urteile und Beobachtungen der Mitdiskutanten ein. Für die witzigen und pointierten Zuspitzungen war ganz klar Maxim Biller zuständig: „Wir sind hier in der Hölle deutscher Literaturkritik“. Als Christine Westermann sagte: „Ich will gar nicht überzeugt werden", entgegnete er trocken: „Sie müssen“.

In der Dreiviertelstunde blieb aber zu wenig Zeit für Vertiefung. Die unterschwellige Grundhektik wird sich sicher noch etwas legen, aber es bleibt unverständlich, warum das ZDF, wenn es schon so ein anspruchsvolles Format an den Start bringt und also davon ausgeht, dass es auf Interesse stoßen wird, dem Quartett nicht mehr Zeit einräumt.

Ähnlich wie damals ist der Blick in den Werkzeugkasten der Kritiker mit am spannendsten: Mit welchen Kriterien bewerten sie literarische Werke? Westermann ärgerte sich etwa über verschwurbelte Sprache, wenn Autor Chigozie Obioma vom „milchig-weißen Sekret“ schreibt. Dabei gelte: „Eine Rotznase ist eine Rotznase ist eine Rotznase“.

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