Wie Popeye, wenn er Spinat isst: Allstar-Septett The Cookers faszinierte im Theaterstübchen die Jazzfans

Anbetungswürdige Helden

Jedes Solo wurde wie ein Torwurf beim Handball bejubelt: Billy Harper (von links), David Weiss, Eddy Henderson und Craig Handy. Foto: Schachtschneider

Kassel. Als man am Freitagabend das Theaterstübchen betrat, sah alles nach einem ganz normalen Konzertabend aus. Ein Septett aus den USA mit dem bescheidenen Bandnamen The Cookers stand auf dem Programm, und wie immer tuschelten sich die Jazzfans zu kleinen Gruppen zusammen und diskutierten Neuigkeiten aus der Szene. Doch der Schein trügte.

Denn alle Anwesenden wussten, dass Clark Kent eigentlich Superman ist, und dass Popeye, wenn er Spinat verdrückt, die Kraft für Höchstleistungen besitzt. Und dass sich die Musiker von The Cookers in anbetungswürdige Helden verwandeln, wenn sie sich ihrer Instrumente bedienen, um imposante Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der synkopischen Ausdehnung von Lebensgefühlen zu präsentieren.

Das klingt kompliziert, doch so klangen auch die Kompositionen, die die Allstars aus dem gelobten Land der Jazzmusik mitgebracht hatten. Wären da nicht diese archaische Energie, die Virtuosität und das magische Selbstbewusstsein der Protagonisten, könnte man bei dem rhythmischen Versteckspiel und den verschachtelten Arrangements emotional auch mal ganz schnell absaufen. Es drohte zeitweise der intellektuelle Overkill, doch die Faszination für den Gesamteindruck obsiegte.

Dass man kräftig darüber streiten könnte, wer den stärksten Eindruck hinterließ, liegt wohl auf der Hand. Tenorsaxofonist Billy Harper bestach durch einen kräftigen, rauen Ton, und seine Kompositionen (zum Beispiel „Cast The First Stone“) wirkten raffiniert und eingängig zugleich. In Technik und Fantasie stand ihm Altsaxofonist Craig Handy in nichts nach. Allein seine Klangauslegung wirkte sanfter und klarer akzentuiert.

Trompeter David Weiss hatte die interessanteren Linien und mehr Schub gegenüber seinem Kollegen Eddy Henderson zu bieten. Mit seinem Sound hatte Bassist Cecil McBee so seine Schwierigkeiten. Vieles verschwand leider hinter einer Wand von Brummen und Dröhnen. Billy Hart drosch sich spektakulär die Seele aus dem Leib, und über allem thronte Pianist George Cables mit Souveränität und Ideenreichtum.

Das Publikum quittierte jedes Solo mit Reaktionen wie bei einem gelungenen Torwurf bei einem Handballspiel, und der Schlussapplaus wollte nicht enden.

Von Andreas Köthe

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