Der andere Gottschalk: Der Entertainer überzeugt vor allem neben der Bühne

Zwei Wochen nach dem Unfall bei „Wetten, dass ..?“ moderiert Thomas Gottschalk heute die ZDF-Gala „Ein Herz für Kinder“. Foto: dpa

Wenn Thomas Gottschalk heute während seiner ZDF-Sendung „Ein Herz für Kinder" Stephanie zu Guttenberg begrüßt, wird er sie wahrscheinlich zwischendurch duzen wie ihren Ehemann, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Gottschalk wird es wohl nicht versäumen, mindestens einen plumpen Scherz zu machen. Und vielleicht tätschelt er der Ministergattin auch kurz das Knie, wie er das auf der Showbühne bei attraktiven Frauen gern tut. Kurzum: Gottschalk wird Gottschalk sein.

Wer gedacht hatte, der Entertainer würde sich nach dem Unglück in seiner „Wetten, dass..?“-Show vor zwei Wochen ändern, der sah sich schon am vergangenen Wochenende getäuscht. Beim ZDF-Jahresrückblick fragte er Elfriede Vavrik, die ein Buch über die Liebe im Alter geschrieben hat: „Den ersten Orgasmus mit 79 - lohnt sich das überhaupt noch?“ Und die Feministin Alice Schwarzer ließ er behaupten, dass sie im Prozess gegen Wetterfrosch Kachelmann keine Partei ergreife - ohne dass er es hinterfragte.

Das ist die eine Seite, die den Showmaster und Anti-Journalisten Gottschalk im Blick hat. Die andere ist, dass die Öffentlichkeit zuletzt sehr wohl einen anderen Gottschalk präsentiert bekommt - den Menschen Gottschalk, der in all den Interviews fernab der Showbühne genau das findet, wonach er in seinen Sendungen oft vergeblich sucht: die richtigen Worte.

Für die Aufarbeitung des Unglücks bekommt er auch von denen Lob, die seine Auftritte oft heftig verreißen. Gottschalk stellt das Schicksal des schwer verletzten Kandidaten Samuel Koch in den Vordergrund. Er analysiert aber auch sehr klug die Fernsehlandschaft, indem er gerade nicht die populäre Meinung vertritt, der wachsende Quotendruck sei ursächlich für den Unfall gewesen.

Kluge Interviews

Im aktuellen „Spiegel“ etwa spricht er davon, dass „unsere Präsentation des Risikos letztlich Teil des Showkonzepts ist“. Ferner sagt er: „Dieselben Kritiker, die uns bislang für unfähig hielten, den Ansprüchen einer modernen Unterhaltungssendung zu genügen, werfen uns nun vor, zu weit gegangen zu sein.“ Gottschalk bezieht differenzierter Stellung als andere, die zur Beruhigung pauschal ankündigten, „Wetten, dass..?“ verändern zu wollen.

Das macht das Phänomen Gottschalk nicht kleiner. Der 60-Jährige beweist ohne das Licht der Kameras die Reife, die er auf der Bühne häufig vermissen lässt. Dort ist er Berufsjugendlicher, seit er in den 80er-Jahren geholfen hat, das deutsche Fernsehen vom „Was bin ich“-Mief zu befreien.

Für die Heranwachsenden war er damals das, was für die DSDS-Generation von heute Dieter Bohlen ist: ein Vorreiter. Gottschalk moderierte mit Comic-T-Shirts die witzige Unterhaltungssendung „Na sowas!“, er war der erste Late-Night-Talker in Deutschland, und er gab „Wetten, dass ..?“ einen Hauch von Frische. „Gottschalk hat das Frechsein im Fernsehen erfunden“, findet sein Kollege Harald Schmidt. Aber: Gottschalk entwickelte sich im Rampenlicht eben nicht gleichermaßen wie jene, die ihn als Kinder und Jugendliche gut fanden.

Wenn er jetzt Anerkennung erhält, liegt in ihr auch das Aufatmen einer Generation. Sie erkennt in Gottschalk wieder einen, auf den sie ein wenig stolz sein kein. Wie damals.

Zu Gast bei der „Ein Herz für Kinder“-Gala (ZDF, Samstag, 20.15 Uhr): Prinz Harry, Stephanie zu Guttenberg, Jan Josef Liefers, Anna Loos, Jogi Löw, Rolando Villazón, Pur und andere.

Von Florian Hagemann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.