Andreas Köthe: Autoreifen auf dem Klavier

Abstrus, widersinnig, unterhaltsam: Andreas Köthe in der Apollo-Bar in der Orangerie. Foto: Zgoll

Kassel. Gleich vorweg: Dieses tolle Programm hätte mehr Publikum verdient. Denn was der Videokünstler, Musikjournalist und DJ Andreas Köthe am Donnerstag vor knapp zwanzig Besuchern in der Apollo-Bar in der Orangerie präsentierte, war nicht nur eine gelungene, unterhaltsame Melange aus Videokunst, Musik und Lesung. Es war ein sinnlich eloquentes, scheinbar widersinniges Spiel mit Inhalten, Botschaften und Bildern, die einander brechen, nicht zusammenzugehören scheinen.

„TV-Dilemma - eine multimediale Spurensuche nach dem Sinn“ nennt Köthe sein Programm: „Aus gegenläufigen Bildern einen neuen Sinn kreieren, schon immer hat mich das gefesselt.“ Er demonstriert es gleich zu Beginn sehr anschaulich: „Passt der Kerzenständer auf das Klavier?“ Allgemeine Zustimmung. Es folgt eine Bohrmaschine, dann wuchtet er einen alten Autoreifen auf das Instrument. „Und?“ Das Publikum verneint, hält es für einen Spaß, doch Köthe ist es ernst: „Gerade, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, macht uns kreativ für einen neuen Sinn.“ Was folgt, hat Unterhaltungswert und Tiefsinn. Eine mit provokantem Charme, tollen Texten und farbenprächtig verrührten Videosequenzen anstoßende Show.

Da tanzt ein Pärchen auf der Leinwand Salsa, während Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vom Band kommentiert, warum er „diesen deutschen Fernsehpreis nicht annehmen kann“. Da weist eine biedere Hausfrau in Schwarz-Weiß ihren Mann ins Bügeln ein, fetzige Rockmusik begleitet. Da gibt es den Punkt „Ohne Drogen gut erzogen“ mit der Anleitung „ How to kiss your lover“ oder Anschauungsunterricht, wie man sich zeitgemäß die Hände schüttelt. Auf der Leinwand vorgeführt von zwei britischen, in gelbstichige Farben getauchten Ladys.

In Köthes greller, entrückter Videowelt, wie auch in seinen Gedichten und Kurzgeschichten, beißt sich Humorvolles mit Abstrusem, Spannendes mit Skurrilem, Lebenslust mit Beklemmendem. Viel Applaus, eine Zugabe.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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