Die Galerie Krätz zeigt Fotografien vom Deutschland-Aufenthalt des Künstlers 1971

Als Andy Warhol fror

Noch nie zuvor zu sehen: Eine der Fotografien von Andy Warhol - hier mit Model Jane Forth -, die Leo Weisse 1971 während einer Deutschland-Reise des Künstlers gemacht hat. Foto: Weisse/Galerie Krätz

KASSEL. Eigentlich ein ganz normaler junger Mann, wären da nicht diese weiße Haut und der leicht abwesende Blick, der auch mal ins Skeptische wechselt. Als Andy Warhol (1928-1987), Megastar der US-amerikanischen Kunst-Szene, drei Jahre nach dem auf ihn verübten Attentat mit seinen Freunden Deutschland besucht, scheint er ein Star ohne Allüren und Extravaganzen zu sein. Beim Foto-Shooting des Münchner Standfotografen Leo Weisse, der Warhols Aufenthalt in Deutschland 1971 dokumentierte, gibt er sich eher bescheiden-zurückgenommen. Erst später entdeckt er die Lust am Posen, am Spielen, am Spaßhaben.

Die bislang unbekannten Fotografien Weisses sind in der Kasseler Galerie Krätz zu sehen: 30 Schwarz-Weiß-Exponate hat der Galerist aus dem Konvolut von 60 ausgewählt, von den Originalen hochwertige Silbergelatine-Vergrößerungen hergestellt und in Editionen aufgelegt. Mit seinen Freunden aus der New Yorker „Factory“, dem Model Jane Forth, Schauspieler Joe Dallesandro und Regisseur Joe Morrisey stellte der Multikünstler Warhol seinen neuen Film „Trash“ in München vor.

Eine Deutschland-Reise schließt sich an. Warhol streift mit seinen Freunden durch Berlin, lässt sich mit ihnen im Hessischen Landesmuseum Darmstadt vor einem Böcklin-Gemälde ablichten und besucht Neuschwanstein.

Hier gewinnen Weisses Fotografien, bislang eher Schnappschüsse, an Stärke - die Künstlergruppe selbst zeigt sich jetzt spielerisch posend. So sind gerade die in Neuschwanstein entstandenen Fotografien die kunstvollsten, herausragendsten der Auflage: Da genießen Forth und Warhol völlig entrückt den Panoramablick auf die schneebedeckten Berge des Allgäus. Im Park der Königlichen Villa „Schloss Linderhof“ entstehen im weißen Schneegestöber die Fotografien frierender Künstler mit Regenschirm. Ganz und gar uneitel stülpt sich Andy Warhol sogar eine Duschhaube über das weißblonde, strubbelige Haar.

Die Warhol-Fotografien, allesamt kunsthistorische Dokumente, hat der Galerist der Sammlung seiner Eltern entnommen. Helmut Anton und Margot Krätz waren leidenschaftliche Kunstsammler, von dem Frankfurter Ehepaar sind heute noch Arbeiten von Wolf Vostell, Sigmar Polke und Karl Horst Hödicke im Besitz der Neuen Galerie, nachdem die Sammlung Krätz 1991 versteigert wurde. Sohn Simon hat die verbleibenden Arbeiten seiner Eltern als Grundstock für seine 2010 eröffnete Galerie in der Sophienstraße genutzt, in der er mit wechselnden Ausstellungen die elterliche Tradition fortsetzt.

Bis 15. September, Galerie Krätz, Sophienstraße 34, Mo - Fr 10-19 Uhr, Sa 10 bis 17 Uhr/www.galerie-kraetz.de

Von Juliane Sattler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.