Anfälle von Wut und Zärtlichkeit mit Brecht

Deutsches Theater in Göttingen zeigt „Herr Puntila und sein Knecht Matti" mit schrillen Figuren

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Wie aus dem Comic: Matti (Volker Muthmann) hält seinen am Boden liegenden Chef Puntila (Gabriel von Berlepsch). Im Hintergrund ist der Chor zu sehen, am Mikro: Dorothée Neff als Puntilas Tochter Eva.

Göttingen. Knallig, krass, comic-haft: Vielleicht muss man Bertolt Brecht heute genau so inszenieren, damit das Lehrbuchhafte, manchmal etwas Angestaubte seiner Dramen nicht so in den Vordergrund gerät.

Christoph Mehlers Inszenierung von „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ wurde bei der Premiere am Samstag im Deutschen Theater in Göttingen mit langem Applaus gefeiert.

Es gibt vier Hauptdarsteller, 18 Leute im Chor, Musikuntermalung von David Rimsky-Korsakow, eine leere, weit nach hinten aufgerissene Bühne, dramatisches Frontlicht, einen Blumenstrauß und einen Eimer mit einer gallertartigen Grütze, mit der am Ende auf immer nackteren Körpern kräftig rumgematscht wird.

Kaum zu erkennen ist Gabriel von Berlepsch unter der unfassbar karikaturhaften Maske als Puntila: Medizinballgroße Bauchkugel, pockige Säufernase, Dreiviertelglatze mit länglichen Nackensträhnen, rot unterlaufene Augen. Wie einen Hund hält Puntila seinen auf allen vieren kriechenden Chauffeur am Kragen. Der hechelt mit weit raushängender Zunge artig im Takt. Volker Muthmann ist als dieser Matti nie beflissen und unterwürfig, er versucht vielmehr, seine Würde zu bewahren angesichts der Willkür des Chefs, der mal auf großzügig macht, mal anhänglich auf Zuwendung aus ist, mal aber auch autoritär rumschreit.

Der Chor ist der Resonanzraum für Puntilas Ausbrüche von Unleidlichsein, Anfälle von Zärtlichkeit und zur Schau gestellter maskuliner Verführungskraft. Die Statisten werden zu Kellnern oder Bräuten, formen Bühnenbilder aus Körpern, bilden ein vielstimmiges Volk, das Muthmann sprachlich präzise anleitet.

Durchgeknallt und oft im Diskant kreischend zeigen sich Dorothée Neff als Putilas zu verheiratende Tochter Eva im Playboybunny-Look mit Tüllschleife und Judith Strößenreuter als der verarmte Attaché, ein Ehe-Aspirant auf dem Gut Puntilas, mit pompöser Perücke aufgemacht wie das Zerrbild eines Höflings früherer Jahrhunderte (Ausstattung: Jennifer Hörr).

Auch sie gewähren aber bei aller Comic-Haftigkeit immer wieder einen Blick hinter die schrillen Fassaden ihrer Figuren und lassen dann gar nicht mal wenig Verletzlichkeit durchscheinen – eine Leistung im überdrehten Grundmodus des Abends.

Vielschichtigkeit auch hier: Großartig, wie Gabriel von Berlepsch seinem launisch-autoritären Kotzbrocken Puntila eine immense Portion Sympathie mitgibt. Man mag den Typ trotz allem leiden, folgt ihm gern in seine Aquavit-geschwängerten Alkoholexzesse, in seine Zärtlichkeitsanwandlungen gegenüber dem Chauffeur, in seine Bestrebungen, im nüchternen Zustand in Haus und Hof hart durchzugreifen, Tochter und Knecht unter seine Kontrolle zu kriegen. Selbst auf sein weinerliches Selbstmitleid lässt man sich ein. Und wenn Puntila am Ende über die Schönheit der Landschaft sinniert und dabei Matti fürsorglich über den Kopf streichelt, herrscht für einen Moment echter Friede.

Wieder am 18., 20. und 26.10.

Kartentelefon: 0551-4969300

Internet: www.dt-goettingen.de

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