Angereicherter Barock in Niestetal

Die Pianistinnen als Freundinnen: Marina Baranova (links) und Elena Kolesnitschenko eröffneten das 12. internationale Klavierfestival im völlig überfüllten Gemeindehaus in Sandershausen. Foto: Fischer

Niestetal. Einen originellen Klavierabend gab es zum Auftakt des Internationalen Klavierwettbewerbs in Sandershausen.

NIESTETAL. Bach hat bei sich und anderen geklaut, Händel hat es getan und viele ihrer Generation ebenso. So brauchten sie sich nicht zu beschweren, wenn sich Heutige bei ihnen bedienen.

„Alles außer Urtext“ hätte das exquisite Konzert am Dienstagabend im Gemeindehaus von Sandershausen heißen können. Was die Pianistin Marina Baranova und ihre Freundin Elena Kolesnitschenko spielten, waren Bearbeitungen von barocker Musik, originelle, in Zeiten historisch informierter Aufführungspraxis oft beargwöhnte (Nach-)Kompositionen für Klavier zu zwei oder vier Händen: Das „Preludio“ aus Bachs E-Dur-Partita für Violine, für Klavier arrangiert von Sergej Rachmaninow, die erste Gavotte aus der 6. Cellosuite für Klavier vierhändig, die berühmte d-Moll-Toccata für Orgel auf dem Klavier und anderes: Das klingt erst merkwürdig, dann schillernd und faszinierend.

Die beiden Pianistinnen, gleich alte Schulfreundinnen aus der Ukraine, Jahrgang 1981, spielten mit Begeisterung zusammen oder allein. Die seltsamen Stücke leuchteten unter ihren Händen.

Im Zentrum der Eröffnung des XII. Internationalen Niestetaler Klavierfestivals aber standen drei „Hypersuites“ nach Händel, Rameau und Couperin. Als „akustische Remixe barocker Meister“ bezeichnet Marina Baranova diese Stücke.

Auf der Basis der alten Werke hat sie Neues geschaffen, hat sie angereichert, aufgeplustert, angeschrägt, mit jazzigen Elementen gewürzt. Das gibt es nur bei ihr. Die Pianistin versank in ihren Nachschöpfungen, ihr nach vorn fallendes Haar schuf einen Vorhang zur Welt. Ende August erscheinen die „Hypersuites“ bei Berlin Classics auf CD.

Am Schluss etwas zum Mitweinen: Händels „Largo“ aus seiner Oper „Serse“ für Klavier vierhändig und als Zugabe zum Wiederaufwachen „Obsession“, die Uraufführung einer modernen Komposition, die der polnisch-amerikanische Komponist Wlad Marhulets für Marina Baranova geschrieben hat.

Der kleine Saal platzte aus allen Nähten, sodass auch der Vorraum dicht besetzt war. Marina Baranova hat hier schon öfter gespielt, ihre treue Gemeinde war begeistert.

Klavierfestival im ev. Gemeindehaus Sandershausen Donnerstag, 19.30 Uhr: Kang Liu (Weimar): Scarlatti und Beethoven bis Ligeti. Freitag, 19.30 Uhr: Julia Maria Marin (Hannover): Liszt, Schumann, Schubert.

Von Johannes Mundry

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