Regisseurin Feo Aladag im Interview über ihr Spielfilmdebüt „Die Fremde“ und Reaktionen des Publikums

„Angst vor dem Blick anderer“

Feo Aladags Ehrenmorddrama „Die Fremde“ ist gerade für den Deutschen Filmpreis nominiert worden. Sibel Kekilli spielt die Mutter Umay, die mit ihrem Sohn ihren gewalttätigen Mann in der Türkei verlässt. Sie sucht Zuflucht bei ihrer Familie in Berlin. Doch die Menschen, die sie lieben, verstoßen und verfolgen Umay. Aladag, die das Buch schrieb, Regie führte und den Film mit ihrem Mann Züli produzierte, ist auf Kinotour durch ganz Deutschland unterwegs. Wir trafen sie im Capitol in Kassel.

Frau Aladag, Ihr Spielfilmdebüt ist gerade sechs Mal für den Deutschen Filmpreis nominiert worden – wie fühlt sich das an?

Feo Aladag: Ziemlich gut. Ich habe bei jeder Nominierung vor Freude geschrien. Ich freue mich natürlich auch sehr für den Vater-Darsteller Settar Tanriögen und für die Hauptdarstellerin Sibel Kekilli. Es ist für uns alle eine große Auszeichnung.

Wie viele türkische Einwanderer haben „Die Fremde“ schon gesehen?

Aladag: Die Türkei war das erste Land, das den Film gekauft hat. Er wird dort im Frühsommer in den Mainstream-Kinos laufen und vielleicht in kleineren Städten zu sehen sein, was mich sehr freut.

Und wie erleben Sie das Publikum in Deutschland?

Aladag: In manchen Vorstellungen bringen die Hälfte der Zuschauer einen türkischen Hintergrund mit. Ich erlebe tolle und emotionale Reaktionen in allen Altersklassen – auch bei Männern. Viele sagen, sie können die Geschichte emotional nachvollziehen, und seien sehr wütend darüber, dass die geschilderten Dynamiken noch immer Teil unserer Realität sind.

Ist dies eine Reaktion, die Sie erreichen wollten?

Aladag: Ich möchte in erster Linie Fragen stellen und nicht schwarz-weiß malen: Wer ist Täter, wer ist Opfer? Sondern eine universelle Geschichte erzählen, die Menschen, die in derartigen Zwängen stecken, nicht pauschal verurteilt. Es geht mir um den mitfühlenden Blick auf die Zerrissenheit aller Charaktere.

Warum beeinflusst das Umfeld die Familie so stark?

Aladag: Weil die Angst vor dem Blick der anderen oft schwerer wiegt, als die eigenen Gefühle. Man gibt Erwartungen nach, anstatt den eigenen Gefühlen zu vertrauen und zu folgen.

Wie könnten Menschen diesem Druck entkommen?

Aladag: Wenn eine heterogene Mehrheitsgesellschaft wie unsere nicht mehr von Minderheiten spricht. Wenn die Probleme der „anderen“ unsere werden. Ich habe das Gefühl, dass hier noch nicht die offenen Arme da sind. Das hilft der älteren Migranten-Generation nicht, sich aus diesen Zwängen freizuspielen.

Welche Chancen sehen Sie für die jüngeren Generationen?

Aladag: Wir müssen ihnen echte Chancengleichheit und Perspektiven anbieten. Sie brauchen die Möglichkeit, ihr Selbstwertgefühl und die Solidarität nicht nur aus der Familie, sondern auch aus dem gesamtgesellschaftlichen Zugehörigkeitsgefühl zu beziehen..

...um dann mit der Verwandtschaft zu brechen?

Aladag: Das sollte nicht die Lösung sein. Grundsätzlich geht es doch um Emanzipation und Unabhängigkeit. Auch die ältere Generation wird nach und nach von den Jüngeren lernen.

Sie haben Familien kennen gelernt, in denen eine Tochter getötet wurde. Welche Folgen hat das für die Familie?

Aladag: Familien, denen so etwas Schreckliches widerfährt, zerbrechen. Zurück bleiben traumatisierte Menschen. Am Ende ist gar nichts wiederhergestellt, Ehre schon gar nicht.

Nizam Schiller spielt den fünfjährigen Cem. Wie haben Sie ihn vor der Härte der Geschichte geschützt?

Aladag: Es war mir wichtig, dass er nicht die gesamte Geschichte kennt. Wir haben sehr spielerisch mit ihm gearbeitet und sehr viel tricksen müssen, auch technisch und in Bezug auf die filmische Auflösung: Bei den harten Szenen habe ich darauf geachtet, dass er in den Einstellungen nicht dabei ist. Außerdem waren seine Mami und sein Bruder immer am Set.

Von Heidi Senska

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