Sänger Peter Maffay über sein neues Album, seine Tournee mit Orchester und die Konzerte in der DDR

„Angst hat mich angetrieben“

Peter Maffay feiert sein 40. Bühnenjubiläum mit dem Studioalbum „Tattoos“, auf dem seine größten Erfolge in orchestralem Gewand erklingen, und indem er mit seiner Band und dem Philharmonic Volkswagen Orchestra auf Tournee geht.

Fanden Sie es anregend, Klassiker wie „Du“, „Und es war Sommer“, „Über sieben Brücken musst du gehn“ nochmal aufzunehmen?

Peter Maffay: Mit diesen Liedern ist es wie mit der Liebe oder dem Essen: Man tut es regelmäßig. Mit „Wir verschwinden“ ist ein neuer Titel dabei.

Sie lassen Streicher auf laute Gitarren treffen. Hat das auf Anhieb funktioniert?

Maffay: Es besteht natürlich die Gefahr, dass die Streicher die Gitarren erdrücken oder umgekehrt. Ich hätte mich in den Hintern getreten, wäre nur Klassik-Bombast herausgekommen. Ich habe auch viel zu viel Lust, meine drei Harmonien auf der Gitarre zu spielen.

In Ihrer Biografie heißt es, Sie hätten bis Mitte der 90er bis zu zwei Flaschen Whisky und 80 Zigaretten am Tag konsumiert. Wie konnten Ihre Stimmbänder das unbeschadet überstehen?

Maffay: Ehrlich gesagt wundert es mich selbst. Vor dem Lied „Du“ hatte ich größten Respekt. Ich musste mich quälen, weil wir uns in den Kopf gesetzt hatten, in derselben Tonart wie 1969 zu spielen. Bei den hohen Tönen stand ich auf den Fußspitzen. Dafür komme ich heute tiefer runter.

Damals konnten Sie den etwas schwülstigen Text im Mittelteil von „Du“ nicht sprechen, ohne das R zu rollen. Autor Michael Kunze übernahm das.

Maffay: Diesmal spreche ich ihn selbst. Wir haben sogar das Originalarrangement von 1969 verwendet. Dieses Lied habe ich anfangs geliebt, weil es mir Türen öffnete. Später habe ich es verdammt, weil es stark polarisierte. Heute kann ich es wieder singen, wenn auch mit ein bisschen Ironie.

Ihre Tournee wird von Volkswagen gesponsert. Wäre eine Konzertreise mit Orchester ohne Sponsor möglich?

Maffay: Dann gehen die Ticketpreise hoch. Mein Publikum kann und will 180 Euro für eine Konzertkarte nicht mitmachen. Deshalb habe ich davor keine Berührungsängste. Ich sagte den Musikern, sie sollen bitte nicht im Frack erscheinen. Ich selbst besitze gar keinen. Das ist nicht wichtig.

Ist ein Lied wie „Eiszeit“ von 1982 heute noch aktuell?

Maffay: Vor dem Hintergrund der Weltklimakonferenz auf jeden Fall. Das Rote Telefon ist heute auch ein Synonym für den Anstieg der Temperaturen. Brisant ist, dass viel mehr Länder Massenvernichtungswaffen besitzen. Die Situation ist noch gefährlicher.

Durften Sie „Eiszeit“ eigentlich in der DDR spielen?

Maffay: Diese Freiheit haben wir uns genommen. Wir wollten uns auf gar keinen Fall zensieren lassen, aber auch nicht agitieren. Unser Anliegen war, mit den Menschen zu reden.

War Ihnen das Risiko, bespitzelt zu werden, bewusst?

Maffay: Das wusste ich ja, weil ich in Rumänien geboren bin. Die Brüder von der Securitate waren nicht wählerischer als die Stasi. Beide haben die gleiche Angst verbreitet. Gerade diese Angst hat mich angetrieben, in der DDR zu spielen. Ich wollte zeigen, dass man sie überwinden kann.

Ihre Stasi-Akte umfasste 329 Seiten. Was steht da drin?

Maffay: Hanebüchener Unsinn. Unsere Konzerte hatten eine Kapazität von 6000 Leuten. Es wollten 600 000 kommen. Aus der Akte wurde ersichtlich, dass man gewisse Organe in Suhl abgestellt hatte, um die Fans an der Fahrt nach Rostock zu hindern. Das Ganze hatte psychotische Ausmaße.

Und wie haben Sie Erich Honecker erlebt?

Maffay: Honecker war wie eine Pappfigur. Aber es war gut, ihn zu treffen. Es gibt dieses Foto, auf dem ich ihm die Hand gebe. Diese Geste ist frei von Verehrung. Dass wir uns irgendwelchen Dingen gebeugt hätten, ist dummes Zeug.

2007 spielten Sie für die Soldaten in Kabul. Waren Sie bei der Bundeswehr?

Maffay: Nein. Ich bin nach Berlin gezogen. Das hatte damit zu tun, dass man mir als Kind in Rumänien eine rote Krawatte umband und mich verdonnerte, Dinge zu sagen, die ich nicht sagen wollte. Ich sah Sinn darin, meine Aufgabe nicht in der Bundeswehr, sondern in der Gesellschaft zu suchen. Nichtsdestotrotz habe ich großen Respekt vor Leuten, die nach Afghanistan gehen.

Peter Maffay: Tattoos (Sony).

Konzert in Göttingen, Lokhalle, 7. Dezember. Tickets: 0561/203-204, www.hna-kartenservice.de

Von Olaf Neumann

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