Junges Theater zeigt preisgekröntes Stück „Warteraum Zukunft“

Angst vorm Abstieg

Die ewige Drehscheibe: (von links) Pascal Goffin, Anne Düe und Henrike Richters. Foto:  Eulig

Göttingen. „Ich habe keine Hobbies, ich bin berufstätig!“ Daniel Puttkammer, 30, promovierter Ingenieur, war der tragische Held der Premiere von Oliver Klucks „Warteraum Zukunft“ am Donnerstag im ausverkauften Jungen Theater in Göttingen.

Eigentlich hat Daniel alles richtig gemacht: angesagtes Fach gewählt, Studium schnell durchgezogen, sich in unbezahlten Praktika ausbeuten lassen. Jetzt pendelt er täglich 70 Kilometer, fühlt sich im eintönigen Büroalltag unterfordert, ist aber dennoch immer freundlich zu den störenden Kollegen. Daniel ist auf dem Weg nach oben - das dachte der ehrgeizige Hochschulabsolvent zumindest.

Tatsächlich hat Daniel, dessen zerrissenes Ich gleichzeitig von Anne Düe, Henrike Richters und Pascal Goffin verkörpert wird, keine Chance. Egal, wie sehr er sich anstrengt, er wird von den Älteren nicht ernst genommen. Kollegin Ulrike (auch Anne Düe) spielt mit seiner Begierde, und der tyrannische Chef im Champagnerbad (wunderbar hinterhältig: Jan Reinartz) verkauft seinem „Innovativkader“ die Versetzung nach Rumänien als Beförderung.

In seinem neuen Stück, das 2010 mit dem renommierten Kleist-Förderpreis für junge Dramatik ausgezeichnet wurde, hält Autor Oliver Kluck (30) seiner Generation wütend den Spiegel vor: zu angepasst, aufstiegsorientiert und fremdgesteuert. „In deinem Alter, da musst du doch auch mal was unternehmen!“, fordert die lebenslustige Nachbarin Sylvia (herrlich überdreht: Agnes Giese). Doch die Angst vorm sozialen Abstieg hat Daniel fest im Griff, und so strampelt er sich für den Sicherheit versprechenden Aufstieg weiter auf der rotierenden Bühne ab (sehr wirkungsvolle Ausstattung: Axel Theune).

Alexander Krebs inszeniert dieses Streben eindringlich, schnell und voller Situationskomik. Er macht dadurch die Verzweiflung einer ganzen Generation greifbar. Die Darstellung verschiedener Facetten von Daniels Persönlichkeit durch drei Schauspieler, welche daneben auch noch andere Charaktere verkörpern, sorgt für Komplexität und fordert konzentrierte Zuschauer.

Das junge Premierenpublikum ließ sich von dem verschlungenen Mosaik genussvoll gespielter aber stereotyper Figuren jedoch nicht verwirren: begeisterter Applaus.

Wieder heute, 23., 28. und 30. September, jeweils um 20 Uhr. Karten: Tel. 0551/495015, www.junges-theater.de

Von Friederike Szamborski

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.