Die Bad Hersfelder Festspiele zeigen als Welturaufführung „Carmen - ein deutsches Musical“

Bad Hersfelder Festspiele:  Welturaufführung „Carmen - ein deutsches Musical“

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Verführerisch: Carmen (Anna Montanaro) zeigt sich hier im glamourösen Abendkleid.

Bad Hersfeld. Carmen sagt, sie kommt aus der Hölle. In der Bad Hersfelder Stiftsruine fährt sie auf einem Podest aus dem Boden herauf. Im roten Abendkleid mit Stola, umtanzt von Mädchen in Spitzendessous. Erster Auftritt einer Männerhäscherin.

Am Mittwoch war Welturaufführung von „Carmen - ein deutsches Musical“, das Judith Kuckart (Buch und Liedtexte) und Wolfgang Schmidtke (Musik) in der Regie von Nico Rabenald für die Bad Hersfelder Festspiele geschaffen haben. Die Besucher in der nur zu zwei Dritteln gefüllten Stiftsruine spendeten nach zweieinviertel Stunden heftigen Beifall, teils stehend.

Aufführung des Musicals Carmen bei den Hersfelder Festspielen 

Der berühmte Stoff aus Georges Bizets Oper und Prosper Merimées Novelle wird in die westdeutsche Nachkriegszeit verlegt, Carmen ist eine „Displaced Person“, wie die Ost-Flüchtlinge von den Besatzern genannt wurden. Eine Frau, die im Krieg Schlimmes erlebt hat. Die hart geworden ist und nun mit den Gesetzen des Schwarzmarkts ebenso wie mit den Leidenschaften der Männer zu spielen weiß.

Musicalstar Anna Montanaro hat für ihre Carmen stückbedingt wenig Möglichkeiten, Sympathiewerte zu entwickeln, füllt die Figur aber würdevoll aus und verströmt kühle Erotik.

Bühnenbildner Roy Spahn hat eine schwarz-rot-goldene Treppe in die Mitte der Bühne gebaut, hinten hängt ein Eichenlaubkranz - mal gefüllt mit einem zerstörten Hakenkreuz, mal mit der Deutschen Mark, mal mit einer US-Flagge: zeitliche Einordnung.

Nachkriegs-Leere, erste Versuche, wirtschaftlich Fuß zu fassen, Nazis, die sich geschickt in der neuen Bundesrepublik einrichten, das Wirtschaftswunder, Amerika als neue Leitkultur: Erzählerisch will das Musical ganz schön viel, manchmal scheint ein didaktischer Ton durch. Doch die Szenen sind stimmig gebaut, Rückblenden mit einer Erzählerin binden die Geschichten gut ineinander.

Starke Bilder und toll getanzte Choreografien zu Beginn: Wie in einem Wartesaal der Hoffnungslosigkeit treffen zerlumpte Gestalten hinterm Bahnhof aufeinander, handeln Alkohol und Altkleider. Der expressive Tanzstil ist hier (was in den großen Tableaus nicht durchgehend so bleibt) präzise erarbeitet und wohltuend originell (Choreografie: Wolf Bader, Gaines Hall).

Nun begegnen sich die Protagonisten: die mädchenhafte Marie (Kristin Hölck mit klarem Timbre und viel Bühnenpräsenz), ihr Verlobter, der angehende Beamte Jo (Christian Alexander Müller: wandlungsfähig mit einigen starken Songakzenten) und natürlich Carmen, die Marie höchst herablassend behandelt und Jo den Kopf verdreht.

Bis zu Jos Messerstich aus glühender Eifersucht kann „Die Blume der Liebe“, wie das große Liebesduett heißt, bei allen Dreien nicht lang blühen. Sie bleiben einsam, heimatlos.

Nach leichten Längen im Mittelteil in einer Bar von Kati (temperamentvolle Ausstrahlung: Maaike Schuurmans) und Karlemann (vielseitig: Paul Kribbe) kommt ein Moment von Ironie und Lockerheit, der dem Abend nochmal neuen Drive gibt: „Auf in den Kampf, Verführer / Brisk dick ins Haar und frisch geduscht“ -zum Lied des Torero tanzen Verkäufer von Staubsaugern und Waschmaschinen, musizieren auf Bratpfannen dazu.

Ein klassischer Showauftritt ist schließlich Gaines Halls glamouröser Einsatz als Rockstar Johnnie Ray im weißen Frack. Er, der bei Bizet ein Torero wäre, bezwingt statt Stieren hier den Rock’n’Roll.

Bad Hersfelder Festspiele bis 8. August, Kartentelefon: 06621-201360.

Von Bettina Fraschke

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