Buchpreis-Träger Eugen Ruge stand Studierenden in der Kasseler Universität Rede und Antwort

Anleihen an der Wirklichkeit

Lockeres, ungezwungenes Gespräch: Eugen Ruge zu Gast im Kasseler Uni-Seminar. Foto: von Busse

Kassel. Manchmal schadet es nicht, offen seine Meinung zu sagen. Als Eugen Ruge für das Manuskript seines späteren Erfolgsromans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ 2009 den Alfred-Döblin-Preis erhielt, meldete sich ein Verlag nach dem anderen. Dass Rowohlt den Zuschlag erhielt, lag auch daran, dass Verleger Alexander Fest sich kritisch äußerte. Er wolle Ruges Debütroman gern veröffentlichen, aber der Titel stimme nicht. Ruge: „Und er hatte recht.“

Der 57-Jährige war Mittwochnachmittag im Kasseler Uni-Seminar „Neuerscheinungen der Buchmesse 2011“ von Prof. Dr. Peter Seibert zu Gast. Dieser hatte den Träger des Deutschen Buchpreises gewonnen, zwischen Lesungen in der Märchenwache Schauenburg und in der Universität (in Kooperation mit der Thalia-Buchhandlung) den Studierenden Rede und Antwort zu stehen.

Die begrüßten den Autor und Dramaturgen, der einst als Mathematiker für die Akademie der Wissenschaften der DDR gearbeitet hatte, mit Applaus im Stehen. „Wir sind die Ruge-Gruppe“, stellte sich ein Trio vor, das eine Menge Fragen zu dem hervorragenden Familien- und DDR-Roman vorbereitet hatte, zu Konstruktion, Erzählperspektive, Vermarktung und dem - wie Ruge findet - „verrückten“ Erfolg.

Ein ergiebiges Gespräch begann. Dass es doch bei „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ blieb, sei am Ende Wunsch des Verlags gewesen, berichtete Ruge - weil der Titel eigentlich zu lyrisch, aber eben passend für die Geschichte sei, die von vornherein von ihrem Ende her erzählt wird. Für das Lebensende, den Verfall der Protagonisten, deren Geschichten er bewahren, denen er ein Denkmal setzen wollte, ebenso wie für den Untergang der Utopie des Kommunismus. Eine Verfallsgeschichte auf vielen Ebenen, symbolisiert im Zerfall des Schauplatzes, eines Hauses, angesiedelt in einem Gemisch aus Kleinmachnow und Babelsberg.

„Wir hatten gar kein Haus“, sagte Ruge. Er beleihe die Wirklichkeit, fühle sich ihr aber nicht verpflichtet. Ein komplizierter Prozess: Er schreibe „von lebenden Vorbildern ab“, versetze sich in sie, wolle sie sogar verteidigen, aber verfälsche und verfremde, bis er sie neu erfinde.

Das Kleine, Graue der DDR „kann man nicht linear in Thomas Mann’scher Manier erzählen“, sagte Ruge. Als er 1988 in den Westen übersiedelte, sei ihm die DDR „unerträglich langweilig“ vorgekommen. Mit Abstand sehe er das Interessante, Bizarre, auch die Schönheit des Lebens in der DDR, das er auch rehabilitieren wollte.

Im Buch bleibe vieles unausgesprochen. Das Eigentliche, der Kern, bilde sich aus dem, was ausgelassen werde: „So funktioniert Kommunikation.“

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.