AnnenMayKantereit: Von der Straße ins Kulturzelt Kassel

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Aus ihren Nachnamen haben sie einfach den Bandnamen gemacht: Sänger Henning May (vorn) und Gitarrist Christopher Annen im Kasseler Kulturzelt.

Kassel. Vor Jahren haben sie noch Straßenmusik gemacht, nun spielt das Kölner Trio AnnenMayKantereit ausverkaufte Konzerte.

Im Kasseler Kulturzelt erfüllten die Aufsteiger die hohen Erwartungen.

Zwei Stunden vor seinem Konzert in Kassel sitzt das Trio AnnenMayKantereit hinter dem Kulturzelt mit zwei Musikern zusammen, denen es ähnlich ergangen ist. Die Kölner haben sich mit Clemens Rehbein und Philipp Dausch vom Kasseler Duo Milky Chance verabredet. Die Musiker sind alle Anfang 20, kennen und schätzen sich. Auf beide Bands trifft die Zeile aus einem AnnenMayKantereit-Song zu: „Es ist schon krass, wie sich alles verschiebt.“

Es hat sich einiges verschoben im Leben der drei Rheinländer, seitdem sie in ihrer Heimatstadt als Straßenmusiker aufgetreten sind. Ihre Lieder haben bei Youtube bis zu vier Millionen Klicks. Bei Facebook folgen ihnen fast 120 000 Fans. Und Sänger Henning May wird als neuer Rio Reiser verehrt. Das alles ist schon sehr krass.

In Kassel hätten May, Gitarrist Christopher Annen und Schlagzeuger Severin Kantereit das Kulturzelt dreimal füllen können - so viele Kartenanfragen gab es. Eigentlich sollten die drei Musiker, die sich auf dem Gymnasium im Stadtteil Sülz kennengelernt haben, schon Anfang Juli hier spielen, doch May war erkältet und der Auftritt wurde verschoben. Nun sagt er im ausverkauften Kulturzelt: „Es ist schön hier. Leider muss das Zelt ja gehen.“ Es ist der letzte Tag dieser Festival-Saison, die eigens wegen des nachgeholten Termins verlängert wurde. Das gab es in drei Jahrzehnten noch nie.

Auch sonst muss man nach der Vorband When People Had Computers staunen. Da ist zum einen der Schlaks May, der aussieht wie 17, aber 23 ist. Seine Wahnsinnsstimme klingt, als hätte man die Stimmbänder von Tom Waits drei Monate in Whiskey und Benzin eingelegt. Und da sind die Songs von AnnenMayKantereit, die alles andere als Radiohits sind, aber mit ihrem Mix aus Rock, Blues, Jazz und Element-of-Crime-Schlichtheit fesseln.

Annen spielt Gitarre und Mundharmonika, Schlagzeuger Kantereit bekommt Applaus für sein Percussion-Solo, mit ihm liefert Live-Bassist Malte Huck das Rhythmus-Fundament, und May sitzt mal am Keyboard, mal spielt er die Melodica, mit der er einst die Passanten in den Fußgängerzonen zum Stehenbleiben brachte.

Vor allem aber singt er wunderbare Zeilen über die Liebe, den WG-Mitbewohner und Fernbeziehungen („Vertrauen ist gut, Kontrolle ist für Besserwisser“). Wenn es nicht so abgedroschen klänge, müsste man sagen: AnnenMayKantereit haben das Lebensgefühl einer Generation getroffen.

Höhepunkt der 75 Minuten ist „Oft gefragt“, eine Liebeserklärung Mays an seinen Vater. Die jungen Leute von heute müssen nicht mehr grundlos rebellieren und sich dabei zum Deppen machen wie ihre Eltern. Sie können aber dennoch wütend sein. In einem Stück über Konzertbesucher, die alles mit ihrem Smartphone festhalten, heißt es: „Leg doch mal das verfickte Handy weg. Den Scheiß guckst du dir nie wieder an“. May, war das schön. Trotzdem sind verwackelte Filmchen aus dem Kulturzelt womöglich bald bei Youtube zu sehen.

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