Ansichten aus einem erstarrten, grauen Land: Bildband versammelt DDR-Propaganda aus den 80ern

Von Anspruch und Wirklichkeit: Bildband mit Ansichten aus der ehemaligen DDR

Schöna, Dezember 1984 Fotos:  Centaurus Verlag

Wer in Sieghard Liebes Bildband mit Aufnahmen von DDR-Propaganda blättert, könnte auf den Gedanken kommen, dass man in den 80ern zwischen Ostsee und Erzgebirge noch mit der Kutsche unterwegs gewesen sein muss.

Zumindest, wenn man all die Losungen und Parolen im Vorüberfahren wahrnehmen und verstehen wollte.

„Heute besser als gestern - morgen besser als heute!“ oder „Was des Volkes Hände schaffen, ist des Volkes eigen!“ Musste der Trabifahrer da nicht anhalten und nachdenken?

Sieghard Liebe war Dozent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Redakteur im Fotokinoverlag Leipzig und süchtig nach der „Sichtagitation“. Bernd Lindner vom Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig erklärt im Begleittext, wie die SED die Parolen zentral steuerte und über eine Werbeagentur mit Regionalstellen verbreitete. Es gab präzise Anweisungen, welche, aber nicht wo die Transparente und Tafeln zu befestigen waren. So kam es zum Widerspruch zwischen dem Pathos der Aussagen und der alltäglichen Umgebung, in der sie platziert wurden.

Genau das - neben der aus heutiger (West-)Sicht merkwürdigen, absurden, fast unverständlichen Sprache („Unser Plan ist unser Kampfprogramm!“) - macht Liebes Aufnahmen so ironisch und komisch: Da blättert der Putz, stürzen Mauern ein, da bröckelt, rostet, bröselt es, auch im übertragenen Sinn: Ein graues Land ist erstarrt. Behauptet wird aber, die DDR sei der „Staat der sozialen Sicherheit, Geborgenheit und Zukunftsgewissheit“. Die Menschen hatten, so Lindner, eine „Kultur des gezielten Wegsehens und der Nichtwahrnehmung entwickelt“, um die Propagandaflut auszublenden. Im Wendeherbst 1989, als Liebe ebenfalls fotografiert hat, eroberten sie sich die Sprache zurück, wurden die Parolen spontan, ja witzig: „Wir brauchen die Partei nicht - aber die Partei braucht uns“ heißt es nun, „Stasi in die Volkswirtschaft bringt dem Lande Arbeitskraft“.

Dass jedes System seine Sprache schafft, führt der Kunsthistoriker Peter Guth aus. Man denkt an alberne Werbung wie „Come in and find out“ (Douglas) oder „For you. Vor Ort“ (Schlecker). Sieghard Liebe hätte noch immer viel zu fotografieren.

Sieghard Liebe: Ansprüche eines DDR-Jahrzehnts - Fotografien im Widerspruch zum Losungsalltag. Centaurus, 184 S., 26, 80 Euro, Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

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