Judenwitz mit Serdar Somuncu und Klaas Heufer-Umlauf

Ist Jan Böhmermann ein Antisemit? Kampf der Komiker eskaliert

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Traten häufiger gemeinsam auf, aber nun wirft der eine dem anderen vor, antisemitische Klischees zu bedienen: Die Komiker Oliver Polak (links) und Jan Böhmermann.

Der Komiker Oliver Polak erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen Kollegen Jan Böhmermann: Ist der ZDF-Satiriker ein Antisemit? Andere fragen, ob Polak nur karrieregeil sei. Eine Analyse.

Vor knapp zwei Wochen schien es, als könnte die Karriere von Jan Böhmermann bald zu Ende sein. Der Satiriker, der die Mächtigen in den vergangenen Jahren vorführte wie kein anderer und mit einem Gedicht beinahe eine Staatskrise auslöste, sah sich plötzlich des Vorwurfs ausgesetzt, ein Antisemit zu sein. Es gab schon weniger schwerwiegende Vorwürfe, die Karrieren beendeten.

Auslöser der Debatte war der jüdische Komiker Oliver Polak, der vor acht Jahren zum 25. Bühnenjubiläum von Serdar Somuncu mit Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf einen Sketch spielte. Die Szene ist bekannt, man kann sie im Netz nachsehen und auch auf Somuncus Doppel-DVD "Der Hassprediger: Hardcore Live!" In seinem Buch "Gegen Judenhass" erzählt Polak nun jedoch noch einmal, wie er nach dem gemeinsamen Auftritt von seinen drei Kollegen von der Bühne gejagt wird. Böhmermann fragt die anderen, ob sie Polak die Hand gegeben hätten, und macht sich die Hände mit einem Desinfektionsmittel sauber. Da war es wieder: das Bild vom dreckigen Juden.

In seinem Buch nannte Polak keine Namen. Das machte der Medienjournalist Stefan Niggemeier, der in der Wochenzeitung "Der Freitag" über den Fall schrieb und Polak zitierte. Böhmermanns Gag, so der Berliner Komiker, sei kein Gag gewesen, "denn er hatte keine Pointe. Er bildete lediglich den Antisemitismus des Dritten Reiches ab." Und ins Ungefähre erläuterte er weiter: "Als ob diese Person etwas am Laufen hat mit diesem Machtgefälle, das Deutsche manchmal unbewusst anzapfen."

Ist der selbsternannte Aufklärer Böhmermann, der seit Jahren Rassismus und Antisemitismus thematisiert, in Wirklichkeit jemand, der antijüdische Klischees salonfähig macht? Der Vorwurf ist ungeheuerlich. Trotzdem kommentierte die "Süddeutsche Zeitung", er stehe "zu Recht inmitten einer Antisemitismusdebatte". Die ist jedoch vor allem ein Kampf der Komiker. Mittlerweile haben sich auch Böhmermann und Somuncu zu Wort gemeldet. Ihre Äußerungen lassen Polak und auch Niggemeier in keinem guten Licht erscheinen.

Der Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Jan Böhmermann äußerte sich mit Olli Schulz

Zunächst hatte Böhmermann nur zynisch getwittert, er könne "leider ohne eine angemessene Umsatzbeteiligung nicht an der nachträglichen Umdeutung von ultrakrassen Ficki-Ficki-Comedykarrieren in schillernde, sensible Intellektuellenbiografien mitwirken". In seinem Podcast "Fest & Flauschig" mit Olli Schulz sagte er am Sonntag, er sei "überrascht von dieser irritierend unsachlichen Diskussion", denn "alle haben ihre Rollen freiwillig selbst gespielt" und auch mitgeschrieben.

Versachlicht hat die Diskussion nun Somuncu, der auf seiner Webseite noch einmal auf das Motto seines Programms verweist, das nicht nur seine Fans kennen und schätzen: "Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung." Die Türken- und Judenwitze, die Somuncu und damals auch Böhmermann, Polak und Heufer-Umlauf machten, mögen plump sein, es gehe in seiner Arbeit jedoch "seit Anbeginn um die Ambivalenz moralischer Debatten". Bei Somuncu sind alle gleich, jeder wird fertig gemacht, um den wahren Hasspredigern den Spaß zu verderben. Der Jubiläumsabend war als Antwort auf Thilo Sarrazins umstrittenen Bestseller "Deutschland schafft sich ab" gedacht. Nun bekämpfen sich diejenigen gegenseitig, die die Thesen des Rechtspopulismus entlarven wollten.

Oliver Polak erzählt Judenwitze über Holocaust

Polak musste sich schon in seiner Jugend in Papenburg antisemitische Sprüche anhören wie: "Der letzte Zug nach Auschwitz fährt doch gleich noch." Seine Antwort darauf waren Gags wie: "Wir verzeihen euch den Holocaust, wenn ihr uns Michel Friedman verzeiht." Seine Karriere basiert auf seiner jüdischen Herkunft. Mit der Zeit wurden seine Gags immer radikaler. Gegen sie ist selbst Böhmermanns Desinfektionsmittel-Blödsinn nur ein Kindergeburtstag. Somuncu, der mit Polak befreundet war, urteilt daher: "Sein Jüdischsein wurde dabei mehr und mehr zum einzigen Schutzschild für zahlreiche peinliche Ausfälle, während der erwünschte Durchbruch ausblieb."

Vielleicht macht die Posse um den acht Jahre zurückliegenden Sketch Polaks Buch "Gegen Judenhass" zum Bestseller. Der sehr ernsten Diskussion um den wieder stärker werdenden Antisemitismus in Deutschland hat der Komiker dagegen geschadet. Der beste Tweet zu dieser unnötigen Debatte stammt von der Schriftstellerin Sibylle Berg: "Wenn ich mit jemandem arbeite, wir uns Gags um die Ohren hauen, mir einer zu weit geht, dann sage ich das direkt oder nach einer Nacht voller Ärger, aber mache nicht Jahre später eine Welle." Diese Welle könnte Böhmermann irgendwann noch mitreißen, weil manche nicht richtig zuhören.

Zum Thema: Brief an Böhmermann: Wer austeilt, muss auch einstecken können

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