„Antitattoo": Die Klasse Neue Medien im Kulturbahnhof

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Ohne Tattoos: Max Hänisch vor den Aufnahmen seiner Eltern. Fotos: von Busse

Kassel. Mit Themen wie Individualität und Körperlichkeit haben sich Studierende aus der Klasse Neue Medien der Kasseler Kunsthochschule beschäftigt. Bis zum 29. April zeigen sie im Interim ihre "Speedshow" mit dem Titel "Antitattoo".

Tattoos sind längst salonfähig. Waren sie früher ein Randgruppenphänomen, irgendwo zwischen Hafenkneipe und Knast angesiedelt, stellt heute jedermann seinen dauerhaften Körperschmuck selbstverständlich zur Schau. Was hat es damit auf sich, wofür steht dieser Trend? Damit hat sich die Klasse Neue Medien von Rektor Prof. Joel Baumann der Kasseler Kunsthochschule intensiv beschäftigt.

Das Ergebnis ist die Ausstellung „Antitattoo“, „Speedshow“ genannt, die Mittwochabend im Interim am Kulturbahnhof eröffnet wurde. Zwölf Positionen von Studenten, Absolventen und Mitarbeitern der Kunsthochschule umkreisen bis Dienstag das Thema: Was macht Individualität aus, was beglaubigt eine Persönlichkeit, verleiht ihr Beständigkeit in Zeiten, da man sich im Netz immerzu neue Identitäten schaffen kann? Welche Bedeutung haben Eingriffe in den Körper?

Zeichen der Persönlichkeit: Georg Reinhardts „Marco 31.05.1989“ über Marco Reus.

Milena Albiez hat für eine Soundinstallation ihre Mutter, eine Hebamme, zu Körperlichkeit und Individualität befragt. Max Hänisch fotografierte seine Eltern: Authentische Gesichter im Großformat. Sie zeigen Spuren des Lebens. Diese Generation warnte vor Tätowierungen - später, so ihr Argument, werde man die unwiderrufliche Manipulation des Körpers bereuen.

Einige Arbeiten fragen nach der Originalität von Tattoos, die ja ihrerseits Traditionen folgen. Isabelle Zaki ist auf Spurensuche in Japan gegangen, Erik Schäfer und Ippolit Vikhorev haben den Prototypen eines „Tattoo-Roboters“ entwickelt, Tobias Hellwig erfand einen Generator, der Tattoo-Motive nach dem Zufallsprinzip entwirft: Irgendwie sehen sie doch alle gleich aus.

Beim Fußballer Marco Reus erscheint sein Tattoo umgekehrt geradezu als Ausweis seiner ureigenen Persönlichkeit, die sonst zwischen den Vereinsfarben der Trikots, all den Logos und Werbeslogans verschwimmt. Anne Kruegel befasste sich damit, dass es unter jungen Israelis ein Trend ist, sich die KZ-Nummern der Großeltern auf den Unterarm tätowieren zu lassen.

Isabel Paehr hat ein Jugendzimmer mit Postern, Basketball und Federmäppchen eingerichtet. Zwei Jahre hat sie die Fragen von „bodybuilder14“ auf der Internet-Seite gutefrage.net gesammelt und die Antworten festgehalten. Der Jugendliche stellte mal banale, mal große Fragen (auch zu Tätowierungen), die den Versuch dokumentieren, beim Erwachsenwerden Orientierung zu finden. Paehr hat seine Geschichte gewissermaßen fortgeschrieben, Texte über Gewalt und Missbrauch verfasst und eingesprochen. Beklemmend.

Bis 29.4., 17-20 Uhr, Interim, Franz-Ulrich-Str. 16 (hinter der Nachrichtenmeisterei).

Von Mark-Christian von Busse

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