Leopold von Verschuer betreibt mit „Genannt Gospodin“ im Kasseler tif komische Kapitalismuskritik

Die Antwort weiß nur der Knast

Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen: Marie-Claire Ludwig und Aljoscha Langel in „Genannt Gospodin“. Foto: Ketz

Kassel. Das Timing hätte gar nicht schlechter sein können als an diesem Freitagabend. Im Fridericianum eröffnete der Kasseler Kunstverein seine neue Ausstellung „Back to Kassel“. Zeitgleich machte eine Etage tiefer die Galerie unterm Fridericianum (guf) auf. Zwei Vernissagen in einem Haus - das ist selbst für die Kunststadt Kassel zu viel, war aber zumindest im guf ein herrlicher Spaß.

Das Theater im Fridericianum (tif) gibt es immer noch, für seine Inszenierung von Philipp Löhles grotesker Komödie „Genannt Gospodin“ hat es Leopold von Verschuer jedoch in einen Ausstellungsraum umfunktioniert - in eben das guf, wie es im Programmheft heißt. Vor Beginn des Stücks setzen sich die Zuschauer nicht einfach auf ihre Plätze, sondern gehen auf der Bühne vorbei an Fotografien und einer Installation mit einer Gießkanne und einem Gartenschlauch, dessen Wasserstrahl aussieht wie eine Blume.

Mit der Bühnenbildnerin Claudia Grünig hat der Berliner Regisseur die Künstlergruppe „Die Arträuber“ erfunden. Das preisgekrönte Stück handelt von Gospodin, einem Eigenbrötler, der sich der kapitalistischen Gesellschaft verweigert, auf Besitz verzichtet, stattdessen lieber im Heu schläft und seinen Freunden nicht nur mit seinem strengen Geruch auf die Nerven geht. Alles dreht sich um die Frage, wie frei man sein kann, wenn überall monetäre Zwänge herrschen.

Die bildenden Künstler, die für Verschuer die freiesten, aber auch am wenigsten abgesicherten Akteure in der Kulturwelt sind, erzählen Gospodins Geschichte nach - mit Playmobilfiguren und anderem Kinderspielzeug, wie es Harald Schmidt in seiner Late-Night-Show gern macht, und mit ständigen Rollenwechseln. Die Schauspieler Aljoscha Langel, Andreas Beck und Marie-Claire Ludwig beherrschen das Timing in diesem „anarchischen Kasperletheater“ (von Verschuer) perfekt.

Langel macht eindreiviertel Stunden lang nichts anderes, als in einem rechteckigen Ausguck zu sitzen, aber man könnte ihm ewig zuhören, wie er als rebellischer Gospodin verzweifelt. Beck erntet viele Lacher als Gospodins Mutter sowie als knurrender Polizist. Und Ludwig ist unter anderem die Freundin, die einem leid tut, als die Verweigerung Gospodin ins Gefängnis bringt, wo er seine Prinzipien verwirklicht sieht. Hinter Gittern gelten seine Regeln: „Geld darf nicht nötig sein. Jedweder Besitz ist abzulehnen. Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen.“

„Genannt Gospodin“ ist eine intelligente Kapitalismuskritik, die keine einfachen Antworten bietet - außer jenen, die von Verschuer im Vorfeld bei Interviews mit sechs Häftlingen der JVA Wehlheiden bekommen hat. Die Passagen werden zwischendurch eingespielt. Ein Gefangener fühlt sich im Knast „lebendig begraben“. Ein anderer erklärt, dass er nach seiner Entlassung erst einmal ins Einkaufszentrum dez gehen würde: „Ich würde nur gucken und mich freuen, ich brauche keinen Besitz.“ Dieser Satz hätte auch Gospodin gefallen.

Nach dem langen Premierenapplaus gingen die Zuschauer am Kunstverein vorbei und blickten auf die von Menschen überfüllte Königsstraße, wo die Geschäfte beim Mitternachtsshopping extralang geöffnet hatten. Kapitalismuskritik und Konsum - besser hätte das Timing nicht sein können.

Nächste Vorstellungen im tif, Karl-Bernhardi-Straße: 6. und 11. Mai, 5. und 11. Juni. Karten: 0561/1094-222.

Von Matthias Lohr

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