Philipp Stölzl inszeniert „Parsifal“ an der Deutschen Oper Berlin mit naiven Bildern wie eine heilige Messe

Anzugträger auf Geröllbergen

Wie aus einem Fantasyfilm entnommen: Klaus Florian Vogt (Mitte) als Parsifal in einer Szene von Philipp Stölzls „Parsifal“-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin. Foto:  dpa

Berlin. Der Erlöser trägt Schlips. Er kommt als Außenseiter in die fremde Vorzeit-Welt der Gralsritter, im heutigen Anzug zu behelmten Knappen. Dort kasteit man sich oder geißelt den Gralskönig Amfortas.

Der blutet aus einer Wunde wie Christus am Kreuz. Nur ist es „Sündenblut“ und auch Parsifal zunächst kein Unschuldsengel. Der Held schwingt das Schwert. Doch entwickelt er sich auf einer Zeitreise zum Menschen, „durch Mitleid wissend“, und die Gralsgesellschaft mit ihm.

Er verkörpert eben den „reinen Tor“, der erst mal bekämpft, was er nicht versteht. Um Aggressionsbegrenzung, Triebabtötung und Entsagung bemüht ist Richard Wagners von christlichen Abendmahlriten inspiriertes Bühnenweihfestspiel „Parsifal“.

Der innerlichen Erfahrung äußeren Ausdruck zu verleihen, ist die Herausforderung eines jeden neuen „Parsifal“, dem optischer Realismus nie wirklich gerecht wird. An der Deutschen Oper Berlin kann man nun eine musikalisch aufwühlende, die Grenzen des Unsagbaren in atemberaubende Zartheit hüllende und in meditative Tiefen vordringende Aufführung erleben. Donald Runnicles gelingt das Kunststück, der oft langweilig erscheinenden Musik großen, eindringlich leisen, wehmütigen Atem einzuhauchen.

Inspiriert zu sein und zu inspirieren, ist einer der Vorzüge dieses überragenden Dirigenten. Bei Durchsichtigkeit auch der Details verliert er nie den Blick für das Ganze. Alles ist erfüllt, jeder verhallende Ton atmet noch Spannung. Die Zeit, von der Gurnemanz berichtet, wird zum Raum – in der Musik und durch das bestens aufgelegte Orchester.

Ein Hochgenuss, wenn dann noch die ideale Besetzung in der Neuinszenierung des „Parsifal“ agiert: Klaus Florian Vogt, stimmlich einzigartig in der Mischung aus entrücktem Liebreiz und Durchschlagskraft, berührt im dritten Akt. Er beglaubigt die seltsame Wandlung zum mitfühlenden Helden und neuen Gralskönig mühelos innig.

Bei Film-Regisseur Philipp Stölzl erinnert die Szene an Oberammergau. Geröllberge bilden eintönige Kulissen, bekrönt vom Kreuz. Er habe keine Lust gehabt, „den vielen Inszenierungen eine weitere Regiedeutung hinzuzufügen“, so Stölzl. Ergo walten Demut und Ideen-Armut. Die naive Herangehensweise stellt lebende Bilder in Zeitlupentempo nach.

Ausnahmesänger Matti Salminen ist mit seinem unvergleichlichen Bass auch nach 40 Schaffensjahren eine Offenbarung. Seine hohe Kunst der Artikulation und Differenzierung gibt dem Gurnemanz Klarheit und Profil, Weisheit und Witz. Thomas Johannes Mayer wächst als um „Erbarmen“ rufender Amfortas über sich hinaus. Die Regie erlaubt sich, den Tod für ihn als „Heilung“ zu propagieren. Evelyn Herlitzius ist in Bestform und verleiht der triebhaften Kundry menschliche Züge. Thomas Jesatko rundet als sonorer Klingsor das Ensemble ab. Auch der Chor verdiente sich rauschenden Beifall.

Deutsche Oper Berlin, Kartentel.: 030/34384343

Von Andrea Hilgenstock

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