Von der Müllabfuhr zum Star: Der Erfolg der Berliner Punkband Beatsteaks

Die Arbeiter des Rock

Nahmen ihr sechstes Studioalbum im Proberaum auf: Sänger Arnim Teutoburg-Weiß (von links), Schlagzeuger Thomas Götz, die Gitarristen Bernd Kurtzke und Peter Baumann sowie Bassist Torsten Scholz. Foto: Warner

Vor zehn Jahren räumte Peter Baumann noch den Dreck der anderen weg. Er arbeitete als Müllmann bei der Berliner Stadtreinigung und traf sich abends mit Freunden im Proberaum, um Punkmusik zu machen. Manchmal traten die Beatsteaks im Vorprogramm der Ärzte und der Sex Pistols auf.

Mittlerweile hat Baumann seinen Job als Müllwagenfahrer längst gekündigt. Mit den Beatsteaks hat der Gitarrist eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten der deutschen Musikszene geschrieben. Heute erscheint „Boombox“, das sechste Studioalbum des Berliner Quintetts, und es könnte auf Platz eins der Charts einsteigen.

Als die Band, die ihren ersten Auftritt 1995 auf einer Abifeier in Lichtenberg hatte, 2003 vor 800 Zuschauern im Columbiafritz-Club spielte, dachte Baumann, „das ist das Ende der Fahnenstange“. Doch vier Jahre später brachten sie 17 000 Fans in der Wuhlheide zum Pogotanzen. Selbst in London, wo man über deutsche Bands sonst nur die Nase rümpft, lockten sie 1200 Menschen in einen Club.

Die Beatsteaks haben sich im wahrsten Sinn des Wortes nach oben gearbeitet. Bassist Torsten Scholz war Elektrosignal-Mechaniker, und Sänger Arnim Teutoburg-Weiß fuhr einst mit dem Skateboard in die Kneipe, wo er als Thekenkraft jobbte.

Musikalisch wird ebenfalls malocht. „Am Instrument sind wir Arbeiter“, sagt Baumann. Andere Bands mögen virtuosere Soli spielen, mehr Leidenschaft haben die Beatsteaks. Für ihr neues Album trafen sie sich zunächst wie gewohnt in einem bestens ausgestatteten Studio. Weil die Songs aber nach diversen Aufnahmen noch nicht den nötigen Charme hatten, wechselten sie in ihren Proberaum, die „Boombox“. Sie kauften sich die nötige Ausrüstung und ließen die elf Lieder später vom Engländer Lick Launey abmischen (Nick Cave, Arcade Fire).

Sie setzen sich keine Grenzen

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Selten klang eine Punkrockband so abwechslungsreich. „Under A Clear Blue Sky“ ist perfekter Stadionrock, die Ska-Nummer „Let’s See“ spielten die Beatsteaks stilecht in Anzügen ein, „House On Fire“ ist fast eine Emo-Hymne geworden, und die Single „Milk & Honey“ eine Hommage an den Smiths-Klassiker „Girlfriend In A Coma“. Eben diese Vielseitigkeit des Albums definiert Baumann als Punk: „Wir setzen uns keine Grenzen.“

Dafür haben sie neue Ideen. Bevor „Milk & Honey“ als Single erschien, stellte die Plattenfirma die Noten ins Netz und rief die Fans auf, Cover-Versionen aufzunehmen. Mehr als 200 Interpretationen gingen ein, zwei davon haben es als B-Seiten auf die Maxi-CD geschafft.

Die Beatsteaks haben bei allen Dingen Erfolg - und sind trotzdem schrecklich normal und sympathisch geblieben. Bevor Baumann morgens in den Proberaum geht, bringt er seinen vierjährigen Sohn in den Kindergarten. Und wenn er irgendwo in den Berliner Straßen einen orangenen Müllwagen sieht, hält er an, um mit den alten Kollegen zu plaudern.

Beatsteaks: Boombox (Warner). Wertung: !!!!:

Von Matthias Lohr

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