Wut für die Arbeiterklasse: Das neue Album von Bruce Springsteen

Der Boss ist sauer: Das gilt zumindest, wenn man Bruce Springsteens neuen Songtexten glauben darf. Foto: Clinch/nh

Es sollte Bruce Springsteens wütendstes Album werden, hieß es im Vorfeld der Veröffentlichung von „Wrecking Ball“. Und es hieß, der Rocker aus New Jersey hätte mit allerlei Klängen, auch mit elektronischen Loops, experimentiert.

Das konnte einen - je nach Sichtweise - erschrecken oder hoffen lassen. Die Platte ist keine Revolution, aber Springsteens abwechslungsreichstes Album. Und wütend ist der Mann, den sie gerne den Boss nennen, tatsächlich.

Man mag über das Schwarz-Weiß-Denken lästern, wenn er wie in „Easy Money“ einen Banker einem Räuber gleichsetzt. Und doch klingt Springsteens Eintreten für den viel beschworenen kleinen Mann überzeugend.

Das gilt besonders, wenn er sich in die Tradition von Pete Seeger und Woody Guthrie einreiht. Springsteens „Shackled and Drawn“ hat mit seiner simplen, aber mitreißenden Melodie und ebensolchem Text genau den Effekt wie die Lieder der politischen Singer-Songwriter. Deren Erbe hatte Springsteen schon lustvoll in seinem Album „We Shall Overcome“ (2006) zelebriert.

Der Ärger über die Banker („Der Banker wird fetter, der arbeitende Mann magert ab.“) zieht sich durch einige der elf Stücke. Und, ja, man darf die Frage stellen, ob ein 62-jähriger Millionär wie Springsteen sich dieser Attitüde einfach so bedienen darf. Zugleich ist es merkwürdig, dass gerade ihm dieser Vorwurf immer wieder gemacht wird. Auch etwa Bob Dylan dürfte durch seine Musik ordentlich Geld verdienen - und es sei beiden gegönnt.

Ein guter Songschreiber arbeitet wie ein guter Autor. Er muss nicht selbst ein armer Arbeiter sein, um aus dessen Sicht zu schreiben, sondern er muss sich in seine Charaktere hineinversetzen können.

So klingt Springsteen glaubwürdig, wenn er für den Durchschnittsamerikaner beansprucht, die Sache nun selbst in die Hand nehmen zu wollen („We take care of our own“). Man kann das als eine enttäuschte Abkehr von der Politik verstehen, nachdem sich der Rockmusiker für John Kerry und Barack Obama im Wahlkampf eingesetzt hatte.

Die Musik auf „Wrecking Ball“ hat überraschende Elemente und ist doch unverwechselbar Springsteen. Die elektronischen Spielereien halten sich zum Glück im Rahmen, dafür greift er stark auf Gospel- und Folk zurück. Besonders originell ist das Gospelstück „Rocky Ground“ geworden - sogar mit Rap.

„We Are Alive“, das Unterdrückte und Opfer der amerikanischen Geschichte auferstehen lässt, überzeugt mit Country-Elementen und gibt dem Album einen optimistischen Ausklang.

„Wrecking Ball“ ist mal politischer Folk, mal die ganz große Rocker-Geste - Springsteen beherrscht beides. Und noch etwas macht dieses Album zu einer Besonderheit: Es bietet die letzten Aufnahmen des Saxofonisten Clarence Clemons, ohne den die E-Street-Band nicht mehr dieselbe ist.

Bruce Springsteen: Wrecking Ball (Sony). Wertung: fünf von fünf Sternen.

Springsteen auf Tour: 25. Mai Frankfurt, 27. Mai Köln, 30. Mai Berlin. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Olaf Dellit

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