Unverwechselbarer Ton: Durs Grünbein las aus seinem neuen Gedichtband

Archäologe des Bewusstseins

Durs Grünbein

GÖTTINGEN. „Eule, erleuchte mich, öffne mir die Augen“: Am Anfang von Durs Grünbeins Lesung im Deutschen Theater am letzten Tag des Göttinger Literaturherbstes stand der nächtliche Vogel. Er soll den Dichter zur Wachsamkeit bringen, zum Sehen in der Dunkelheit der Welt. „Nichts ist real“, heißt es im Gedicht „Interieur mit Eule I“, das den neuen Sammelband „Koloß im Nebel“ eröffnet, aus dem Grünbein vorlas.

Spätestens seit er 1995 den Georg-Büchner-Preis bekam, ist der 50-jährige Dresdner eine der großen Namen im deutschen Literaturbetrieb. Nicht oft gelingt es Lyrikern, in den Olymp der Schriftsteller aufzusteigen und sich dort zu behaupten. A propos Olymp: Grünbein schreibt nicht allein aus einem Hier und Jetzt heraus. Aus vielen seiner Gedichten spricht eine feste Verwurzelung in der europäischen Geistesgeschichte und besonders der griechischen Antike.

„Bewusstseinsarchäologie“, nannte er im Gespräch mit Joachim Dicks vom NDR diesen Rückbezug auf das Entfernte, das ihm nah ist. Aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit schöpft der Lyriker Essentielles für seine kürzeren und längeren Gedichte, die nie vordergründig politisch oder gar zeitgeistig sind, aber ebensowenig rückwärtsgewandt.

Aus überraschenden Verbindungen von Alltäglichem und Mythischem entsteht ein unverwechselbarer Ton. Musterbeispiel ist das lange „Koloß im Nebel“, das eine Schiffsreise durch die Ägäis zum Ausgangspunkt hat, bei der irreal und erschreckend der Koloss von Rhodos auftaucht und wieder verschwindet.

Nicht alles in dem umfangreichen Band mit Gedichten aus den letzten sechs Jahren schaut nach Hellas. Berlin, das Meer, auch Alltägliches sind Fixpunkte, ebenso stark verdichtete philosophische Gedanken. Nicht alles müsse aufgelöst werden, sagte Grünbein, Unfassbares darf auch einmal für sich stehen. Am Ende flog wieder die Eule und entließ 75 Zuhörer in den lauen Abend.

Durs Grünbein: Koloß im Nebel. Suhrkamp, 228 S., 25 Euro

Von Johannes Mundry

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