Architekt Peter Zumthor will in Göttingen Domizil aus Backstein bauen

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Haus für einen Kunstverlag: Jerry Sohn (links) und Geschäftsführerin Nina Holland rahmen Architekt Peter Zumthor ein. Der hohe, schmale, spitzgiebelige Bau vorn soll der künftige Little-Steidl-Sitz sein.

Göttingen. Für den Little Steidl Verlag will der Schweizer Peter Zumthor, einer der weltweit renommiertesten Architekten, in der Göttinger Altstadt ein Domizil bauen - vollständig aus Backstein.

Auf einem Feld nahe Mechernich-Wachendorf, 50 Kilometer südwestlich von Köln, hat der Architekt Peter Zumthor die von einem Landwirt gestiftete „Bruder-Klaus-Kapelle“ errichtet. Nicht nur Gläubige pilgern seither in die Eifel.

Architekturtouristen fahren den schmalen, hohen Betonturm an, der im Inneren an eine archaische Höhle erinnert. Sie sind von den Gebäuden des 72-Jährigen fasziniert, der mit dem Praemium Imperiale und dem Pritzker-Preis den Nobelpreis sowohl der Künste wie der Architektur erhalten hat.

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Womöglich liegt Göttingen bald auf der Route der Zumthor-Fans. In der Unistadt plant der Schweizer ein „Hausfür einen Kunstverlag“ - Little Steidl.

Das ist eine Art Ausgründung von einer früheren Mitarbeiterin des Verlegers Gerhard Steidl, Nina Holland. Sie und ihr Partner Jerry Sohn planen ein Domizil für Werkstatt und Wohnen. Das Haus solle ihr als Inspiration dienen, sagt die Geschäftsführerin, und zugleich „ein Beitrag für die Gemeinschaft“ sein. Der Neubau an der zurzeit schäbigen, halb verfallenen Ecke Düstere/Turmstraße würde - in unmittelbarer Nähe zu Steidl, Günter-Grass-Archiv, Literarischem Zentrum und Galerie Ahlers - das künftige „KulturQuartier“ aufwerten.

Genau das gefiel Zumthor, der immer die Atmosphäre eines Orts aufzunehmen versucht: im ehemaligen Handwerkerquartier Kultur, Arbeiten und Leben zu verknüpfen.

„Ich arbeite gern auch klein“, so Zumthor. Er nennt den Entwurf „klein aber fein“. Anhand eines eigens angefertigen Tonmodells der Altstadt erläutert er unprätentios und freundlich die Bauaufgabe, spricht von seiner „intuitiven Reaktion“ darauf. Die Idee: ein schmales, hohes Haus mit spitzem Giebel, massiv aus Backstein bis unter den First, ohne Verkleidung oder vorgehängte Fassade, möglichst mit Ziegeln, „die schon mal anderswo ein Haus waren“.

Zumthor betrachtet Göttingen als gewachsenes, vielfältiges, lebendiges organisches Gebilde - ohne einheitliche Traufhöhe. Der Neubau solle sich als eleganter, „schöner, stolzer Teil“ einfügen, aber auch die wichtige Eckposition am Rand des Gevierts der Altstadt betonen, als Eingangstor dicht an der Stadtmauer ein Zeichen setzen. „Das wird aber kein Klotz.“ Und kein Luxusgebäude: „Man macht das, was es braucht.“ Obwohl Zumthor einräumt, er sei „eher auf der Mercedes-Seite“, so hielten die Häuser länger: „Sie sollen schön altern und nicht nach zwei Jahren auseinanderfallen.“

Bauherrin Holland sagt: „Es kostet, was es kostet.“ Bislang habe er nur die Grundidee, „sonst gibt’s keinen Strich“, betont Zumthor. Voraussetzung, dass es weitergeht, ist die Änderung des Bebauungsplans - im Bau- und Planungsausschuss des Stadtrats hat Zumthor das Modell vorgestellt. Ohne Zustimmung „ist es gestorben“.

Dass Touristen vor ihrer Tür stehen könnten, schreckt Holland nicht. Sie könne das Haus nicht täglich öffnen, aber: „Es soll Menschen anziehen.“

Das Modell wird am Samstag, 19.3., im Grass-Archiv, Düstere Str. 6, ausgestellt.

Zur Person

Peter Zumthor (72, geboren in Basel) wurde vom Vater, einem Schreiner, ausgebildet, studierte in Basel Innenarchitektur und Design sowie in New York Architektur. Er arbeitete zehn Jahre in der Denkmalpflege seines Heimatkantons Graubünden, sein Büro hat der verheiratete Vater dreier Kinder bis heute in Haldenstein nahe Chur. Mit dem Schweizer Expo-Pavillon 2000 in Hannover wurde Zumthor in Deutschland bekannt. „Ich mache keine kommerziellen Projekte“, sagt der 72-Jährige und bedauert, dass sein sozialer Wohnungsbau weniger bekannt ist als die Therme in Valls (Graubünden), das Kunsthaus Bregenz oder das Museum Kolumba der Erzdiözese Köln. In seiner Heimat errichtete der Jazzfan auch Wohnhäuser und Schulbauten. Er baue so, dass Häuser auch „vom Praktischen her funktionieren“, sagt Zumthor, „dann haben die Leute sie gern“.

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