1. Startseite
  2. Kultur

Viel Applaus für Oper „Pique Dame“ am Kasseler Staatstheater

Erstellt:

Von: Bettina Fraschke

Kommentare

Gleichförmig: Margrethe Fredheim (Lisa, Mitte) und Chormitglieder  in der Kasseler Inszenierung von „Pique Dame“ am Staatstheater.
Gleichförmig: Margrethe Fredheim (Lisa, Mitte) und Chormitglieder mit optimierten Mündern auf dem Gewand. © Privat

Ariane Kareev inszeniert Tschaikowskys „Pique Dame“ im Kasseler Opernhaus und generiert dafür Bilder aus der modernen Business-Welt. Die Kartenspiel-Zocker sind hier skrupellose Karrieristen. Für die Premiere gab es Jubel und Applaus.

Kassel – Mit Krawatten, übergroßen Sakkos und Handys in der Hand mimen Kinder Mr. Wichtig: Einübung in das kompromisslose Erfolgsstreben des Kapitalismus. Das bonbonbunte Büroszenario, wie es Tech-Firmen gern zelebrieren, wirkt passend dazu wie ein Spielplatz für Erwachsene (Bühne: Lina Oanh Nguyen).

Ariane Kareev setzt mit dem Kinder- und Jugendchor Cantamus, dem Opern- sowie Extrachor und solchen Bildern aus dieser gefährlich-verniedlichten Business-Welt einen starken Akzent zum Auftakt ihrer Inszenierung von Peter I. Tschaikowskys Oper „Pique Dame“. Am Samstag wurde sie im vollen Kasseler Opernhaus mit Applaus und Jubel bedacht.

Hermann (Viktor Antipenko) will in die besseren Kreise aufsteigen – wegen einer Frau, aber auch, weil die Rituale der Reichen ihn betören. Kareev siedelt seinen Weg in der lautsprecherischen Welt der Selbstoptimierer an, die sich von Tschakka-Verkäufern die besten Tricks für ihren garantierten Success andrehen lassen. Das passt glänzend zur Kartenspiel-Thematik der Vorlage, in der alle von einem legendären Trick der alten Gräfin sprechen, mit dem sie einst reich geworden ist. Ein wichtigtuerisches Band mit Ausweis um den Hals ist das Abzeichen derer, die dazugehören, sei es beim Yoga, beim Gemüsedrink an der Bar oder im Kreis der Kollegen mit den bunten Sneakern, wo man sich mit Ghettofaust begrüßt. Hermann aber hat kein Badge. Er trägt einen verwaschenen Kapuzenpulli, steht auf einem Steg im Zuschauerraum (Kostüme: Mechthild Feuerstein). Am Rande.

Frauen auf dem Junggesellinnenabschied

Die Frauen um die von Hermann begehrte, aber dem Fürsten Jeletzkij anvertraute Lisa (Margrethe Fredheim) spritzen sich (im Video von Konrad Kästner) die Lippen auf, wollen möglichst gleichförmig aussehen und ertränken den Überdruss der Reichen in den lahmen Ritualen eines Junggesellinnenabschieds.

Wenn dann der Fürst seine Liebe zu Lisa bekennt, steht Stefan Hadzˇic in blütenweißer Astronautenuniform da und erinnert gleichermaßen an die Weltraum-Fantastereien der Superreichen wie an Major Tom, David Bowies Inbegriff des unrettbar einsamen Menschen. Großartig inszeniert, ebenso, wie auch Hadzˇic seine Arie sanft, leise melancholisch und mit langen Phrasierungen anlegt. Margrethe Fredheim lässt als Lisa ihren Sopran golden glänzen, auf den Punkt und voller Fülle – etwa im Liebesduett mit Hermann in ihrem Gemach. Antipenko scheint als verzweifelter Möchtegern-Karrierist Hermann partiell das Potenzial seiner vielseitigen Tenorstimme nicht ganz ausschöpfen zu können, entwickelt aber eine große Bühnenpräsenz.

Ilseyar Khayrullova als Gräfin überzeugt in Gestus und Gewand der gespensthaften alten Lady, von der Hermann sich den ultimativen Kartentrick ergaunern will, und wird später zur sinnlichen Verführerin im Negligé – wie verjüngt und mit weichem, dunklen Mezzo.

In den kleineren Rollen isst die bejubelte Marta Herman (Polina/ Daphnis) ebenso hervorzuheben wie Filippo Bettoschi als präsenter Graf Tomskij – das ist hier der Business-Seelenverkäufer.

Am Dirigentenpult lässt Kiril Stankow aus dem großen Chor- und Orchesterapparat fahle Melancholie vielfarbig aufblühen, besonders die Bläser geben alles für russischen Opernzauber, Dynamik und spannungsreiche Bögen. Ein überraschender Höhepunkt sind die Artisten Daniel Juntana und Seraphim Richter, die in der Schäferspiel-Szene in akrobatischer Körperbeherrschung durch den Raum fliegen. Wann kommt der Absturz?

Wieder 17., 23., 25.12. staatstheater-kassel.de

Von Bettina Fraschke

In der Business-Welt: von links Filippo Bettoschi (Graf Tomskij), Lars Rühl (Tschekalinskij), Viktor Antipenko (Hermann), Mateusz Hoedt (Ssurin) sowie Mitglieder des Opern- und des Extrachors in der Oper „Pique Dame“ am Kasseler Staatstheater.
In der Business-Welt: von links Filippo Bettoschi (Graf Tomskij), Lars Rühl (Tschekalinskij), Viktor Antipenko (Hermann), Mateusz Hoedt (Ssurin) sowie Mitglieder des Opern- und des Extrachors. © ISABEL MACHADO RIOS

Auch interessant

Kommentare