Adam Szymczyk am Klavier

Arnold-Bode-Preis an documenta-Teilnehmer 2017 Hiwa K

+
Markerschütterndes Schreien: Preisträger Hiwa K mit den Sängerinnen (v. l.) Mira Starke, Fenja Abel und Ann-Kathrin Mogge. 

Kassel. Mit einem Kurzkonzert begann die Verleihung des Arnold-Bode-Preises an den kurdischen documenta-Künstler 2017 Hiwa K. Am Klavier: d14-Leiter Adam Szymczyk.

Angekündigt zur Arnold-Bode-Preisverleihung war eine Performance des Preisträgers. Der aus dem Nordirak stammende und in Berlin lebende Kurde Hiwa K, der die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung in Erinnerung an den documenta-Gründer entgegennehmen sollte, lud für Donnerstagabend ins Kasseler Kulturhaus Dock 4. Erst danach würden sich die Besucher zum Kunstverein im Fridericianum begeben.

Der Auftritt unter dem Titel „The Barkeeper Is Not Dead … Yet“ entpuppte sich als Kurzkonzert mit Hiwa K an der Leadgitarre. Mitarbeiter und Freunde des documenta-Teams bildeten die achtköpfigen The Availables. Am Klavier: Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der d14. Gespielt wurde eine rauhe, düstere Version von Nick Caves „Stagger Lee“ – als die drei jungen Backgroundsängerinnen markerschütterndes Geschrei anstießen, ging es einem durch und durch.

In seiner auf Deutsch gehaltenen Laudatio sagte Szymczyk, Hiwa K sei nicht nur Gitarrist – beim Symposium zum 60-jährigen Bestehen der documenta 2015 hatte der 40-Jährige eine Flamenco-Tänzerin begleitet – sondern Bandleader, Aktivist, ja Anführer. Im Irak als sozialrealistischer Maler ausgebildet, sei er noch immer Sozialrealist, nur nicht mehr in der Malerei. Als Beispiel für Hiwa Ks Neuerfindung und Verwandlung der Realität schilderte Szymczyk seinen Beitrag für die jüngste Venedig-Biennale: Hiwa K ließ Relikte der Irak-Kriege in Italien zu einer Glocke gießen, die er mit zerstörten mesopotamischen und babylonischen Reliefs verzierte. Er habe das „tiefgehende Bedürfnis, zum Realen vorzudringen“, so Szymczyk. So habe er hier „den ohrenbetäubenden Lärm aller Kriege transformiert“.

Dazwischen sein, auf der Suche statt am Ziel, nie ankommen – diese Themen umkreiste Szymczyks Rede: So wie er am Klavier gesessen habe, ohne ein Instrument zu beherrschen, und als Pole abwechselnd in Kassel, Athen und Basel lebe, so gelte auch für den Preisträger: „Wir sind stolz darauf, Fremde zu sein.“ Hiwa K, der die Kunstakademie Mainz absolviert hat, stelle wichtige Fragen zu Identität, Verwurzelung und Zugehörigkeit, und nehme als ehemaliger Flüchtling den Preis auch stellvertretend für all jene entgegen, die nicht in „behaglichen Wohnungen“ säßen.

Für die Stadt Kassel, die den Bode-Preis in diesem Jahr zum 25. Mal verliehen hat, würdigte Stadtverordnetenvorsteherin Petra Friedrich das eigenwillige Werk von Hiwa K: „Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Ihrer Arbeit bei der documenta 14.“ Heiner Georgsdorf, Vorsitzender des Kuratoriums der Bode-Stiftung, nannte ihn zurückhaltend und verbindlich im Umgang, aber zielstrebig und voller Energie in seiner künstlerischen Arbeit. Das Preisgeld stiftete die Sparkassen-Finanzgruppe.

Zwei Arbeiten Hiwa Ks sind Sa/So, 11-18 Uhr, im Kunstverein, Fridericianum, zu sehen.

Arnold-Bode-Preis für Hiwa K

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.