"Artaserse": Ein Krimi aus dem Barock

Machtausübung: Artabano (Bassem Alkhouri, hinten) macht sich den Thronfolger Artaserse (Yuriy Mynenko) gefügig. Foto: Klinger

Kassel. Leonardo Vincis Oper „Artaserse" hatte mit erlesenen Sängern Premiere am Kasseler Staatstheater.

Eine Wiederentdeckung war vor einigen Jahren die Barockoper „Artaserse“ von Leonardo Vinci (1690-1730) - nicht zu verwechseln mit dem Maler Leonardo da Vinci. Das 1730 in Rom uraufgeführte Musiktheater, das mit der Ermordung des Perserkönigs Xerxes beginnt und die blutigen Intrigen um die Nachfolge des Herrschers mit Liebeshändeln verquickt, war im 18. Jahrhundert ein Erfolgsstück. Dass es dies wieder werden kann, unterstreicht die Neuproduktion am Kasseler Staatstheater, die im fast ausverkauften Opernhaus mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde.

DIE MUSIK 

Revolutionär war Vincis Oper keineswegs - der Komponist hält sich an die strikte Abfolge von Da-capo-Arien und Rezitativen, nur ein Duett ist dabei. Aber was für eine Musik: vibrierend, kraftvoll und mit herrlichen Melodielinien, in dramatischen Momenten auch mit abenteuerlichen Koloraturen. Vinci schreibt für tolle Sänger, und das mit vielen Bläserfarben ausgestattete Orchester (Trompeten, Hörner) liefert dazu einen packenden und eingängigen Soundtrack.

Besonders wirkungsvoll kommt das in Kassel durch den hochgefahrenen Orchestergraben zur Geltung, der zudem durch die nach vorn erweiterte Bühne geteilt ist, wodurch ein interessanterer Raumklang entsteht. Wie sehr sich das Staatsorchester unter der ebenso kraftvollen wie differenzierten Leitung von Gastdirigent Jörg Halubek zum kompetenten und spielfreudigen Barockensemble entwickelt hat, ist hier zu erleben - Frucht einer jahrelangen Zusammenarbeit.

DIE SÄNGER 

Die Kasseler „Artaserse“-Inszenierung prunkt zudem mit ausgezeichneten Solisten. Der Countertenor Yuriy Mynenko verleiht der Titelfigur mit klarer und wunderbar leicht geführter Stimme eine große Reinheit - eine ideale Verkörperung des naiv-verletzlichen Thronfolgers Artaserse. Die dramatischen Erschütterungen Arbaces - fälschlich des Mordes bezichtigt - führt Lin Lin Fan sängerisch äußerst virtuos und darstellerisch anrührend vor, während Bassem Alkhouri Arbaces Vater, den Königsmörder Artabano, mit feiner Tenorkunst als charismatische, facettenreiche Figur zeichnet. Nicht minder eindrucksvoll und stimmlich brillant agieren Maren Engelhardt als rigoros-moralische Mandane, Ani Yorentz als starke Liebende Semira sowie Inna Kalinina als verschlagene Domina Megabise.

DIE INSZENIERUNG

Als Politkrimi inszeniert Sonja Trebes das Werk, das durch Dirk Beckers originelle Bühne, die den Orchestergraben überbrückt, ganz nah ans Publikum geholt wird. Dabei greift die Regisseurin deutlich ins Stück ein: Arbace und Megabise werden zu Frauenfiguren (Kostüme: Isabell Heinke) - mit allen erotischen Komplikationen. Auch das im Barock obligatorische Happy End verweigert Trebes, indem Artaserse entgegen dem Libretto zum Mörder an Arbace wird und nach dem Genuss von Artabanos Giftbecher den Schluss im Delirium erlebt. Unklar bleibt, ob Trebes den (barocken) Affekten der Figuren traut, die sie zwar intensiv ausagieren lässt, durch Ironie und Übertreibung aber immer wieder in Frage stellt. Trotz einiger knalliger Nebeneffekte - etwa rauscht nach dem Xerxes-Mord die Spurensicherung mit Alarm an - entsteht im Verlauf der dreistündigen Aufführung jedoch die beklemmende Vision einer sich durch Manipulation und Gewalt selbst zerstörenden Gesellschaft.

Wieder am 19. und 23.12., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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