Sepulkralmuseum zeigt die Geschichte und Gegenwart der Feuerbestattung

Asche in der HSV-Urne

Werbung für die Feuerbestattung: Eine Abbildung des Siemens’schen Verbrennungsofens aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, 1874. Fotos:  Sepulkralmuseum

Kassel. Wie Menschen mit Sterben und Tod umgehen, sagt viel über die Gesellschaft aus, in der sie leben. Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur belegt das immer wieder in faszinierenden Ausstellungen. In der aktuellen, optisch nicht opulenten, aber inhaltlich sehr spannenden Schau geht es um die Feuerbestattung.

Erklärt wird, was in Krematorien geschieht. Gezeigt werden Schamottsteine, die Leichname während des Verbrennungsprozesses bis zur Urne begleiten, und Überreste, die aus der Asche gefiltert werden, wie künstliche Gelenke und Uhren. Zum anderen schreitet der Besucher „in Siebenmeilenstiefeln“, wie Museumsleiter Prof. Dr. Reiner Sörries sagt, durch die Geschichte der Verbrennung von Toten, die inzwischen die vorherrschende, weil kostengünstigste Bestattungsform in Deutschland ist.

In der römischen Antike wurden die meisten Toten verbrannt. Zu sehen sind Grabbeigaben und Kopien römischer und etruskischer Aschekisten. Bereits die Römer verstanden die Verbrennung nie als Vernichtung, erläutert Sörries, sondern als Durchgangsstation in ein Jenseits. Karl der Große untersagte die Feuerbestattung - ein Verbot, das sich 1000 Jahre hielt. Äußerungen aus der Französischen Revolution könnten von heute stammen, wie diese von 1799: „Kein Wunsch und keine Laune dürfen begrenzt werden, solange sie nicht der Gesellschaft schaden. Wer sollte einem freien Menschen verwehren, über seine eigene Asche bestimmen zu wollen?“ Bis zum Bau der ersten Krematorien (1876 in Mailand, 1878 in Gotha) sollte es aber noch Jahrzehnte dauern - und in Griechenland und Malta gibt es sie heute noch nicht.

Für die Popularität im 19. Jahrhundert nennt die Ausstellung ein Bündel von Gründen - von der Antikenbegeisterung des Bildungsbürgertums über finanzielle Erwägungen in der Arbeiterbewegung bis zum antikirchlichen Fanal von Freigeistern. Neben den Stadtplanern, die in wachsenden Großstädten keinen Platz mehr für herkömmliche Friedhöfe sahen, plädierten vor allem Mediziner für die Verbrennung, die sie als hygienischer ansahen.

Anlass für die Ausstellung, die zuerst im Dresdner Stadtarchiv zu sehen war, ist das 100. Jubiläum des Krematoriums Dresden-Tolkewitz. Architekt Fritz Schumacher fand für den monumentalen Jugendstilbau aus Sandstein 1911 erstmals eine Form, die sich nicht an Tempeln oder Kirchen orientierte. Auf die spezifische Dresdner Geschichte wird detailliert eingegangen.

Zu sehen sind die Asche der Engländerin Lady Dilke, die sich schon 1874 im Glaswerk der Firma Siemens in Dresden einäschern ließ, sowie historische, moderne und Designer-Urnen (bis hin zur Fußballfan-Urne in den HSV-Vereinsfarben samt Raute). Ein Ausblick zeigt neue Bestattungsformen: Asche, zu Diamanten gepresst, in Kapseln in den Weltraum geschossen. Ein weiterer Teil umfasst Fotografien, mit denen Frank Fleischmann den Verfall stillgelegter ostdeutscher Krematorien der Jugendstilzeit festgehalten hat - Bilder, die auf eigene Weise Vergänglichkeit dokumentieren.

„Unter den Flügeln des Phoenix“, bis 1.1., Weinbergstr. 25, Di-So 10-17, Mi 10-20 Uhr, Eintritt: 5 (3,50) Euro. Tel. 0561/918930, www.sepulkralmuseum.de

Von Mark-Christian von Busse

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