Mark Zurmühle inszeniert am Deutschen Theater in Göttingen das Wissenschaftler-Stück „Kopenhagen“

Der Atomkern der Dinge

Auf leerer Bühne: Florian Eppinger (Heisenberg, links), Meinolf Steiner (Bohr) , Andrea Strube (Margrethe). Foto: Thomas Müller

Göttingen. Man forscht und forscht, dringt in die Kerne der Atome ein - und auf einmal wird mit diesen Erkenntnissen eine Bombe gebaut. „Hat ein Physiker das moralische Recht, an der praktischen Nutzung der Atomenergie zu arbeiten?“, fragt Werner Heisenberg seinen wissenschaftlichen Ziehvater Niels Bohr, und um die Antwort ringen beide ihr Leben lang.

Die Atomphysiker Bohr und Heisenberg stehen im Zentrum von Michael Frayns am Samstag herzlich beklatschtem Theaterstück „Kopenhagen“ (1998), das Mark Zurmühle fürs Deutsche Theater in Göttingen inszeniert.

Beider Karriere ist mit Göttingen verbunden, in Gesprächen auf dem Hainberg näherten sie sich an, legten dort 1922 Grundlagen für ihre wissenschaftliche Arbeit. 1941 besuchte Heisenberg Bohr in Kopenhagen, doch nach einem Gespräch kam es zum unkittbaren Bruch. Warum?

Frayn macht aus dieser Frage eine Versuchsanordnung, lässt Heisenberg, Bohr und Bohrs Frau Margrethe als Untote („jetzt sind wir alle tot und begraben“) rückblickend die Situation in mehreren Versionen durchspielen. Von Heisenbergs Klingeln bis zum wütenden Auseinandergehen.

Eine viel versprechende Grundkonstellation - aus der die Göttinger Produktion wenig macht. Zurmühle bietet optisch und interpretatorisch kaum etwas an, was über das Textmaterial hinausreicht. Wie eine konzertante Oper, wie eine Universitätsvorlesung mit verteilten Rollen.

Auf einem leeren, mit schwarzer Folie bespannten Kreispodest stehen die Darsteller in dunkler Alltagskleidung (Ausstattung: Vera Koch), gehen mal nach rechts, mal nach links, nach vorn und hinten. Nur manchmal gibt es da Bezüge zum Text, wenn der etwa von Elektronen spricht, die sich um einen Atomkern bewegen. Dann wieder zucken die Figuren zu bedrohlichem Donnern aus dem Off zusammen und blicken nach oben. Sollen das Bomben sein? Aber wieso hört das Donnern mittendrin auf, wenn die Figuren doch dieselbe Situation immer wieder durchspielen?

Die Abstraktion wird außerdem nicht so weit geführt, dass sie eine klare stilistische Form bekommt. Inhaltlich muss man fragen, ob eine Inszenierung zur moralischen Verantwortung der Wissenschaft nicht einen Bezug herstellen müsste zu umstrittenen Disziplinen heute. Stichwort Genforschung.

Frayn lässt seine drei Untoten immer mehr erkennen, dass es emotionale Faktoren sind, die den wissenschaftlichen Forscherdrang befeuern. Eifersucht, Stolz, Angeberei.

In diesen Momenten haben auch die Darsteller Florian Eppinger (als Heisenberg melancholisch umflort) Meinolf Steiner (als Bohr mit abgründiger Verzweiflung, die bisweilen ins Kicherige umschlägt) und Andrea Strube (als Margrethe emotional wie theoretisch klüger, als es die Männer vermuten) Gestaltungsmöglichkeiten.

Am Ende stehen die drei Menschen regungslos. Schwarze Schattenrisse auf weißer Wand. In Hiroshima, sagt man, waren nach der Bombe die Menschen vernichtet, aber ihre Schatten noch da. Von solchen beziehungsreichen Bildern hätte man sich mehr gewünscht.

Wieder am 6., 14.10., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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