Das Deutsche Hygiene-Museum im Dresden fragt: „Was ist schön?“ und gibt faszinierende Antworten

Attraktiv ist, wen und was man liebt

Dresdner Knabe, um 430 v. Chr., römische Marmorkopie nach einem Bronzewerk des Polyklet oder seiner Schule.

Dresden. Hinter einem Plüschvorhang erwarten die Besucher des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden Antworten auf eine Frage, die uns alle bewegt: Was ist schön? Die erste Antwort scheint feierlich und erhebend. Im Licht eines prächtigen Kristalllüsters funkeln an weinroten Wänden die Schönheitsvorstellungen von Fotokünstlern.

Die Aktaufnahmen aus Blaise Reuterswards Serie „Woman“ (2006) zeigen makellose Körper junger Frauen. Herlinde Koelbls Nahaufnahmen aus der Folge „Lebensspuren - Nina“ (1991) hingegen präsentieren einen von tiefen Falten durchfurchten Körper. Den versöhnlichen Abschluss dieser ernüchternden Bestandsaufnahme der Vergänglichkeit des Leibes bildet das Foto des noch immer schönen Gesichts der alten Dame.

270 Kunstwerke, Alltagsobjekte, Filmbeispiele und Hörbeiträge sprechen den Zusammenhang von Schönheit und gesellschaftlichem Erfolg an, stellen dar, wie Neurologie und Psychologie Schönheit wissenschaftlich beschreiben, oder behandeln den Einfluss von Mode und Medien auf die Verbreitung von Idealen.

Dass das Streben nach Anerkennung der eigenen „Schönheit“ beiden Geschlechtern und allen Altersgruppen ein Anliegen ist, zeigt das Foto des sich bei der Siegerehrung freuenden „Mister Altersheim“ (Schweiz, 2007). Es gibt aber auch organisierte Gegenbewegungen, zum Beispiel den „Club der Hässlichen“, dessen Emblem ein Nasenbär ist.

Der Abguss der „Venus Medici“ (3. Jh. v. Chr.) vergegenwärtigt uns, dass das auf Symmetrie und ausgewogenen Körperproportionen basierende klassische Schönheitsideal bis heute seine Anziehungskraft behalten hat: Der griechische Bildhauer Polyklet verfasste eine erste theoretische Schrift darüber. Nach Auffassung der Kuratorinnen Doris Müller-Toovey und Sigrid Walther jedoch gibt es kein zeitloses Schönheitsideal: „Schönheit verkörpert nichts Absolutes und nichts Ewiges, sondern ist immer zeitlich und epochal gebunden.“

Heute kommen modische Kleidung und Kosmetika zum Einsatz, zu denen auch immer mehr Männer greifen. Gleichwohl halten sich viele für Mängelexemplare. Abhilfe verheißen Diätpläne oder das Fitness-Studio. Schönheitsoperationen erfreuen sich reger Nachfrage. Der letzte Schrei ist die „Designer-Vagina“, wie wir in Wort und Bild erfahren.

Zum Schluss wird die Aufmerksamkeit auf sämtliche Felder menschlichen Schönheitsempfindens gelenkt. Die Künstlerin Gabriele Nagel hat zehn Videos gedreht, in denen Menschen ihre Antwort auf die Frage „Was ist schön?“ geben. Für eine Restaurantbesitzerin sind es ihre selbst hergestellten Nudeln, für andere der Geigenbau oder die Schlangenhaltung. Die Kuratorinnen ziehen das Fazit, dass höchst verschiedene Menschen, Dinge oder Umgebungen als schön empfunden werden: Schön ist, wen und was man liebt.

Bis 2.1.2011. Infos: Tel. 0351-4846400, www.dhmd.de Das Begleitbuch (Wallstein Verlag) kostet 24,90 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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