Klarinettist Helmut Eisel in der Karlskirche

Auch Bach wäre begeistert gewesen

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Helmut Eisel

Kassel. Ein trauriger Anlass, ein großartiges Konzert. „Seit 1996 begehen wir den Holocaust-Gedenktag“, sagte Bischof Martin Hein Sonntagabend zur Veranstaltung „More than Klezmer“ in der bis auf den letzten Platz gefüllten Karlskirche.

In seiner kurzen Ansprache zitierte Hein auch den 1945 im KZ Flossenbürg hingerichteten Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.“ Im Mittelpunkt des musikalischen Gedenkens stand die Klezmer-Musik des Trios Helmut Eisel & Jem (Michael Marx, Gitarre/Stimme, Stefan Engelmann, Kontrabass).

Eisel zählt zu den renommiertesten Klezmer-Klarinettistin Europas. Der legendäre Giora Feidman, am Vortag zu hören in der Martinskirche, hatte ihn inspiriert, den tiefen spirituellen Gehalt der Klezmermusik kennenzulernen. In Eisels neuem Programm begegnen sich verschiedene Stile. Einige Stücke traten in einen Dialog mit dem Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert und Bachs „Air“. Seine „Suite for unknown Klezmer“ ist den ermordeten jüdischen Musikern gewidmet. Für das Trio arrangierte Eisel diese ursprünglich für Soloklarinette und Orchester geschriebene Komposition auf vier Stücke. Das berührendste: „Phoenix“, ein Lied voller Tiefe, Traurigkeit und Schönheit.

Prägnant für Eisels Konzert jedoch war auch die persönliche Note, die er ihm verlieh. Immer wieder trat er ans Mikro. Er erzählte von seinen Klezmer-Workshops im israelischen Safed, im Norden Galiläas, erläuterte, dass Klezmermusik in Israel lange geschmäht wurde, weil sie als „Landstreichermusik“ eingestuft wurde, oder dass viele Israelis „mit dieser Musik ein verarmtes Judentum verbinden“. Aber auch auf Humor verzichtete Eisel nicht: „ Hätte Bach eine Klarinette gekannt und Klezmer gehört, er wäre davon begeistert gewesen – wenn er es zugegeben hätte.“

Viel Applaus für eine Veranstaltung, der Eisel menschliche Tiefe gab.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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