Ein geheimnisvoller Künstler namens Das Gezeichnete Ich taucht in der Popwelt auf

Auch Grönemeyer ist Fan

Stilisiert sich in einer Kunstwelt: Der Künstler, der sich Das Gezeichnete Ich nennt. Foto:  EMI/ nh

Ein Mann, ein Klavier, eine Stimme – das ist Das Gezeichnete Ich. Über die Person, die sich dahinter verbirgt, dringt nur wenig an die Öffentlichkeit: Deutsch-Franzose, Einzelkind, Skorpion, geboren in den Achtzigern. Rufname: Henry.

Sein rätselhaftes Pseudonym ist einem Gedicht von Gottfried Benn entlehnt: „Es gibt nur zwei Dinge: Die Leere und das gezeichnete Ich.“ „Wenn man es einmal gehört hat, vergisst man es nicht mehr“, sagt der Feingeist. „Jemand hat es einmal im Suff rezitiert, und ich bin dann nachts aufgewacht mit diesen existenzialistischen Zeilen auf den Lippen. Das war der Moment, mit meinem alten Leben zu brechen: Ich bin jetzt Das Gezeichnete Ich.“

Henry, gebildet und eloquent, möchte die Kunst vor den Künstler stellen. Seine Philosophie: Das Gezeichnete Ich bleibt anonym, um das Gewicht auf den Song zu legen. „Die Anonymität bietet Schutz und verleiht dem Künstler etwas Geheimnisvolles“, sagt er. Das gerade erschienene Debütalbum „Skizziert“ schwingt zwischen Nachdenklichkeit und Sentimentalität. Es wurde von Herbert Grönemeyers Produzent Alex Silva betreut. Was sich da, getragen von einer starken Stimme, in verkopften Versen ergeht, erweist sich beim näheren Hinhören als blühender Melodienstrauß. Das Gezeichnete Ich erzählt Geschichten voller Tiefgang. Eine Mischung aus Pop, Poesie und klassischen Elementen.

Den Menschen Henry würde man eher unter der Rubrik „Intellekt“ einteilen, während das Gezeichnete Ich unter die Rubrik „Gefühl“ fällt. Die radiotauglichen Popsongs scheinen dem Künstler nur so aus den Tasten zu fließen. „Meine Musik ist zuerst einmal eine rein emotionale Geschichte“, sagt der gebürtige Hamburger, der heute in Berlin und Brandenburg lebt. „Erst beim wiederholten Hören schaltet sich bei mir der Geist ein. Das ist ein ewiges Verwerfen, Zerreißen, neu Schöpfen, Zerstören und Wiederaufbauen.“

Henry hat früher schon Musik gemacht, aber keine Plattenfirma wollte ihn haben. Um zu überleben, wusch er Autos und arbeitete bei McDonald’s. „Bis ich erkannte, wie feige ich war. Die Musik ist in mir und sie will raus. Also begann ich, meine Angst beim Namen zu nennen und mein Künstlerkonzept auszubauen.“ Auch sein Album spielte Das Gezeichnete Ich fast allein ein. Er beherrscht Klavier, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Streicher. Alex Silva hat den Bass übernommen und Grönemeyers Keyboarder Alfred Kritzer half bei den Arrangements. Grönemeyer schaute ab und zu im Studio vorbei und machte ihm Mut: „Junge, du wirst die Welt schon verändern.“

Am 1. Oktober vertritt Das Gezeichnete Ich Brandenburg bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest – mit dem Chanson „Du es und ich“. „Meine Plattenfirma hat mich vorgeschlagen – und ich wurde genommen“, sagt der Sänger fassungslos. „Mein Lebensmittelpunkt ist Brandenburg, weil da mein Sohn wohnt. Ich versuche, diesen Wettbewerb ganz locker zu sehen.“

Das Gezeichnete Ich: Skizziert (EMI), Wertung: !!!!:

Von Olaf Neumann

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