Dirk Syndram, Leiter des Grünen Gewölbes, über Kasseler Schatzkunst, Repräsentation und die Brötchen des Präsidenten

„Auch wir leben in unverschämtem Reichtum“

Prof. Dr. Dirk Syndram Foto:  Lösel/SKD/nh

Kassel. Auf dem roten Sofa im Bistro des Museums Schloss Wilhelmshöhe ist am Sonntag, 22. August, 11 Uhr, anlässlich der Pokalspiel-Ausstellung Prof. Dr. Dirk Syndram zu Gast. Er ist Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer in Dresden. Befragt wird er von Antje Scherner.

Das Thema Ihres Gesprächs lautet: „Luxus und Spiel. Warum fasziniert uns Schatzkunst?“ Warum tut sie das?

Prof. Dr. Dirk Syndram: Das ist einerseits die Kostbarkeit. Gold und Silber faszinieren immer. Edelsteine, Elfenbein, Seeschneckengehäuse ... Und die Form, in die das Ganze gebracht worden ist.

Sie meinen das Filigrane.

Syndram: Das Handwerkliche. Aber faszinierend ist auch, wenn wir uns verzaubern lassen: Das sind nicht irgendwelche Gefäße, sondern Gefäße, die Geschichten erzählen, von Ungeheuern, Göttern oder Frauenraub.

Wir brauchen aber heute eine Übersetzung, um diesen Gehalt zu verstehen.

Syndram: Richtig. Und wir brauchen einen magischen Ort. Den haben Sie natürlich im Schloss Wilhelmshöhe, wo die Macht versammelt gewesen ist, wo die fürstlichen Sammler gelebt haben. Da funktioniert der Zauber, wenn man sich darauf einlässt und die Verbindung von Natur und Kunst und dem Empfinden des Goldschmieds für Schönheit folgt.

Wie schätzen Sie die Kasseler Sammlung ein?

Syndram: Als ein verborgenes Juwel. Die Landgrafen von Hessen-Kassel waren ja durchaus reiche, politisch bedeutende Fürsten, die mit ihrer Schatzkunst in Konkurrenz getreten sind zu den Braunschweigern, den Pfälzern, den Sachsen. Die Sammlung ist sehr alt und hat viele Objekte, um die ich sie richtig beneide. Und sie ist keine Sammlung wie in einem Kunstgewerbemuseum, sondern eine historische. Das macht sie wertvoll.

Ist für uns auch der Gedanke faszinierend, dass die Gegenstände repräsentativ für die Bedeutung und den Reichtum der Herrschaften stehen?

Syndram: Sicherlich. Für uns ist Schatzkunst ein Medium, das uns wieder in die Vergangenheit hineinholen kann - auch in die regionale Vergangenheit. Damals war der Souverän der Fürst, heute ist es der Bürger, der sich davon verzaubern lassen kann. Schatzkunst ist noch erzählender, noch sprechender als manches Gemälde eines Rubens oder anderer alter Meister. Die Objekte stehen für die Stadt oder Region, in der sie sich befinden.

Nun hören Sie sicher oft: Die Fürsten lebten im Luxus, das Volk darbte.

Syndram: Die Schatzkunst, auch das Sammeln von Überfluss, wurde vom Volk erwartet. Wie sich heute Merkel und Sarkozy vielleicht im Maßanzug, aber ansonsten eher bürgerlich zeigen, wäre damals unmöglich gewesen. Das Volk erwartete einen Fürsten in einem Gewand aus gewobenem Gold, mit Diamanten besetzt. Das gehörte dazu und war auch für das eigene Selbstverständnis wichtig. Da hat sich die Erwartung an Herrschaft geändert. Bei Kriegen und Hungersnöten wurde mit dem Staatsschatz auch Geld ins Land geholt. Dann wurden Juwelen verpfändet. Und man darf auch nicht vergessen: Wir leben heute auch im Luxus und verschwenden die Umwelt, während die Menschen in Afrika in Armut leben.

Auch heute wird unverschämter Reichtum zur Schau gestellt. Russische Ölmilliardäre schippern in ihren Jachten umher.

Syndram: Wer bei 39 Grad die Wohnung auf 21 Grad runterkühlt - auch das ist unverschämter Reichtum. Während ein Silberpokal bleibt.

Wir haben sicher ein anderes Verständnis von Repräsentation, wenn darüber diskutiert wird, woher der Bundespräsident seine Brötchen bezieht.

Syndram: Das ist eine kleingeistige Debatte. In Frankreich würde vom Präsidenten erwartet, dass er die Brötchen einfliegen lässt. Unser Land ist in einer calvinistisch-bürgerlichen Verfassung.

Sie haben Grünes Gewölbe und Türkenkammer nach Sanierungen wieder eröffnet. Was hat Sie am meisten erstaunt?

Syndram: Am meisten hat mich überrascht, dass sich die Menschen trotz aller Reizüberflutung immer noch auf Schönheit einlassen, bewundern können und wieder staunen lernen. Die türkische Kammer ist ja das Produkt eines sächsischen Sammlers, sie wird aber von der deutsch-türkischen Bevölkerung - obwohl Dresden für Menschen mit Migrationshintergrund manchmal einen schlechten Ruf hat - als ein Ort empfunden, wo sich ihre eigene Kultur widerspiegelt, ein Ort, auf den sie stolz sein können.

Von Mark-Christian von Busse

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