Klangkünstler FM Einheit vertont eine Dostojewski-Dramatisierung in Göttingen

„Auf dem Elefanten reiten“

Göttingen. Sein Reich sind die Knöpfe und Leuchtdioden, Dreh- und Schieberegler, Buchsen und Kabel des Mischpultes. Wenn FM Einheit dort sitzt, tritt schnell ein entrücktes und erfülltes Lächeln auf sein Gesicht. Industriell anmutende Klänge lässt er in schneller Folge aus allen Richtungen des leeren Schauspielhauses schallen, während der Boden von Bässen vibriert. Dann Stille, er blickt auf: Beim Soundcheck trafen wir FM Einheit zum Interview.

Der Film über die große Russisch-Übersetzerin Swetlana Geier bezeichnet Dostojewskis große Romane als „die fünf Elefanten“. Wie schafft man es, aus dem Schatten eines Elefanten herauszutreten?

FM Einheit: Indem man auf ihm reitet! Dann wirft man selbst als Zwerg noch einen eigenen Schatten. Ich versuche, mich von der Monstrosität und Leidenschaft mitreißen zu lassen. Bei den Szenen beschränke ich mich nicht und probiere viel aus, wie es funktionieren könnte. Es hilft bei einem solchen Werk, etwas kräftiger zur Sache zu gehen.

Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?

Einheit: Es ist nicht das erste Stück, das ich mit Thomas Bischoff mache. Dostojewskis Leidenschaft ist immer faszinierend, also habe ich Ja gesagt, als Thomas gefragt hat. An ihm schätze ich die Verdichtung, die absolute Konzentration auf die Sprache. Durch diese Stärke hat man bei der Vertonung ein starkes Gegenüber, und es entsteht Platz. Bei seiner Arbeit passiert nichts Überflüssiges. Diesen Raum kann ich nutzen.

Der Roman spielt in Sankt Petersburg um 1860. Wie nähert man sich dieser Welt klanglich?

Einheit: Die Übersetzung des Romans von Thomas Bischoff ist nicht fokussiert auf Russland im 19. Jahrhundert, sondern auf die Dimension des Werkes als Albtraum. Diese ist in der Dramatisierung stark verdichtet. Bei den Kostümen mag es Andeutungen geben, aber das Stück spielt in einem Kopf. Raskolnikow kann sich seiner Strafe nicht entziehen, er sieht sich in einem Albtraum. Der ist oft schrill. Eine besonders heitere Inszenierung ist es nicht.

Auf Ihrer Homepage lassen Sie eine Diskografie als Biografie fungieren. Gibt es auch ein Leben außerhalb der Musikprojekte?

Einheit: Kunst ist immer dann am intensivsten, wenn sie dem eigenen Leben entspricht. Ich mache nicht nur Theater, sondern auch Filmmusik, trete live auf, mache Hörspiele. Mittlerweile habe ich alle Produktionsmittel zuhause, so gesehen verzahnen sich Privatleben und Arbeit ziemlich eng, was mir aber gut gefällt. Wichtig ist die Abwechslung: immer nur im dunklen Theater zu sitzen, wäre nicht schön.

Von Jan Löffel

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