Ausverkauftes Haus

Anja Bihlmaier dirigierte in Kasseleler Stadthalle Haydn und Mahler

Kassel. Das Thema heißt Abschied. Der kann wehmütig sein, spaßig oder auch existenziell erschütternd. Beim letzten Kasseler Sinfoniekonzert dieser Spielzeit in der ausverkauften Stadthalle war von allem etwas dabei.

Und nicht nur musikalisch wurde Abschied gefeiert, auch ein verdienter Musiker wurde in den Ruhestand verabschiedet: Generalmusikdirektor Patrik Ringborg würdigte am Ende des Konzerts den scheidenden Solohornisten des Orchesters, Adrian McLeish, der in 37 Kasseler Orchesterjahren Maßstäbe setzte.

Adrian McLeish

Dass da etwas anders war als sonst, zeigte sich schon im Finale von Joseph Haydns berühmter Abschiedssinfonie. Nach und nach verlassen da die Musiker die Bühne, bis nur ein Violinduo übrig bleibt – der Legende nach wollte Haydn so bei seinem Dienstherrn eine Urlaubsforderung untermauern. Während die anderen Musiker still die Bühne verließen, signalisierte Adrian McLeish mit Rucksack und Baseballmütze: Ich gehe – endgültig.

Im Ganzen ist Haydns 1772 entstandene fis-Moll-Sinfonie allerdings nicht nur witzig. Ungewöhnliche Schärfen im ersten Satz und im Menuett, ein atemloses Presto im Finale künden von Unruhe. Anja Bihlmaier, die als Dirigentin für den wegen eines Unfalls gehandicapten Patrik Ringborg eingesprungen war, ging die Sinfonie denn auch recht schneidig an. Kein gemütlicher, ein kantiger Haydn wurde vorgeführt, ehe dann die Aufbruchstimmung auf der Bühne einsetzte.

Um eine andere Art von Abschied ging es beim Hauptwerk des Abends – Gustav Mahlers „Lied von der Erde“. Mit dieser Sinfonie in Liedern, die nach der monumentalen Achten entstand, setzt Mahlers Spätwerk ein, das in visionärer Weise um das Thema Abschied kreist.

Sinfonie in Liedern: Die Altistin Ulrike Schneider (links) gestaltete das Finale von Mahlers „Lied von der Erde“. Unter der Leitung von Anja Bihlmaier (Mitte) sang Michael Weinius die Tenorpartien. Foto: Fischer

Die sechs sinfonischen Lieder auf Hans Bethges Nachdichtungen chinesischer Lyrik beginnen allerdings recht handfest mit dem „Trinklied vom Jammer der Erde“. Höchste Expressivität und Kraft erfordert das Lied – wie geschaffen für den schwedischen Gasttenor Michael Weinius. Ein Powersänger, der im ebenfalls heftigen Liedsatz „Der Trunkene im Frühling“ aber auch die träumerischen Momente wunderbar aufscheinen ließ.

Fast die Hälfte des Werks nimmt das letzte Lied „Der Abschied“ ein. Ruhe und Intensität verband die Kasseler Altistin Ulrike Schneider aufs Feinste beim rezitativischen Beginn „Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge“ im Dialog mit der Flöte (Judith Hoffmann-Meltzer) – jederzeit fähig zur großen Steigerung: „Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold!“

Anja Bihlmaier setzte insgesamt auf einen kraftvollen Orchesterklang. Intensive, auch schmerzliche Bläserfarben illustrierten Mahlers Abschied von der Welt. Auf das schier endlos verklingende „Ewig ...“ der Altstimme folgte ein Moment der Stille, ehe jubelnder Beifall aufbrandete.

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