Drei Verdächtige sind in Haft

Skandal erschüttert den Kunstmarkt: Aufkleber verriet die Fälscher

Eine Sensation - und eine Fälschung: Der Katalogeintrag zum Heinrich-Campendonk-Gemälde, das 2006 zum Rekordpreis von 2,4 Mio. Euro versteigert worden ist. Foto: dpa

Hausdurchsuchungen, abgehörte Telefonate, erpresste Gutachten und am Ende Festnahmen - der millionenschwere Fälschungsskandal, der zurzeit den Kunstmarkt erschüttert, gleicht einem Krimi.

Wie am Ende eines spannenden Films ist es das winzige Detail, das einem Ermittler auffällt - und dann ist der Fall zügig gelöst. In diesem Fall aber war es kein Kommissar, sondern der in Rom lebende Kunsthistoriker und George-Grosz-Nachlassverwalter Ralph Jentsch, der den entscheidenden Hinweis gab. Ihm war ein Etikett auf der Rückseite des Gemäldes „Rotes Bild mit Pferden“ von Heinrich Campendonk aufgefallen, wonach es einst zeitweilig dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim gehört haben soll. Dieser Aufkleber machte Flechtheim-Fachmann Jentsch misstrauisch - das Etikett sollte sich als Fälschung entpuppen. Wie das Bild und vermutlich bis zu 20 weitere Werke (siehe Kasten).

Für den Campendonk hatte das Kölner Auktionshaus Lempertz vor vier Jahren 2,4 Millionen Euro erzielt - ein Rekord für den rheinischen Expressionisten (1889-1957). Käufer war die Handelsgesellschaft Trasteco mit Sitz auf Malta. Eingeliefert hatten das Bild die Enkelinnen des Kölner Sammlers Werner Jägers.

Inzwischen steht fest, dass dieser rheinische Kaufmann, 1912 in Anderlecht geboren, 1992 in Köln gestorben, nie Kunst gesammelt hat. Seine Enkelinnen, 57 und 52 Jahre alt, und der 59-jährige Mann einer der Schwestern, ein Maler, sind verhaftet worden. Ihnen wird vorgeworfen, über Jahre hinweg Fälschungen in den Kunstmarkt geschleust zu haben. Die „Sammlung Jägers“ hat es nie gegeben.

Im Fall des Campendonk-Gemäldes machten sich die Fälscher zunutze, dass das Werk in einem alten Bestandsverzeichnis auftauchte, aber seit Jahrzehnten als verschollen galt. Die Autorin des Campendonk-Werkverzeichnisses, die von den Eigentümern um ein Echtheitsgutachten gebeten wurde, soll inzwischen gestanden haben, bedroht worden zu sein und deshalb ein falsches Zertifikat ausgestellt zu haben.

Der Inhaber des renommierten Auktionshauses Lempertz, Henrik Hanstein, rechtfertigt sich, die Fälschungen seien „genial“. Der Berner Galerist Wolfgang Henze, der 500 000 Euro für das gefälschte Max-Pechstein-Gemälde „Liegender Akt mit Katze“ ausgab, spricht von „höchster Qualität“.

Für den Kunstmarkt-Experten und Journalisten Stefan Koldehoff indes ist der Fall ein Beleg dafür, dass Gier die Kunstszene beherrscht. Diskretion sei oberstes Gebot, hohe Renditen würden erzielt, aber Sorgfalt und Vorsicht außer Acht gelassen.

Dabei kommt es auf Genauigkeit an: Ein weiteres Detail wurde den Fälschern zum Verhängnis. Sie verwendeten Titanweiß, ein Pigment, das zur angeblichen Entstehungszeit 1914 noch gar nicht erhältlich war.  (mit dpa)

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