Mario Vargas Llosas Buch „Der Traum des Kelten“

Aufregendes Leben, in Zeitlupe erzählt

Am Anfang war es ein Zitat aus irgendeinem Buch, das Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa nicht aus dem Kopf ging. Da hieß es, dass König Leopold II. von Belgien in einem Atemzug mit Hitler und Stalin genannt werden muss. Der Gedanke wurde zur Obsession, der Romancier vertiefte sich in Recherchen und stieß auf den Lebensweg des Iren Roger Casement (1864-1916), genannt „der Kelte“ - geadelter Diplomat und gescheiterter Freiheitskämpfer.

In großen Romangemälden hat sich der 75-jährige Vargas Llosa immer wieder der Ausbeutung von Ureinwohnern, der Korruption und der Rolle von Militärs gewidmet. Auch im neuen Roman „Der Traum des Kelten“, einer opulenten Mischung aus Biografie und Roman, historischen Fakten und Imagination, geht es um Gewalt und Tyrannei, aber auch um Doppelmoral und die zerstörerische Macht von Denunziationen.

Der Protagonist Casement, der es als Konsul zu Ruhm gebracht hat, reist im Auftrag der britischen Krone nach Zentralafrika, erlebt im Kongo das menschenverachtende Kolonialsystem des belgischen Königs mit Zwangsarbeit und barbarischer Brutalität. Diese schlimmen Erlebnisse des „Kelten“ werden durch Erfahrungen mit der Kautschukindustrie in Peru noch getoppt.

Die literarische Weltreise führt in die USA, wo Casement in einer verhängnisvollen Mission tätig wird. Er sammelt Geld zur Unterstützung der irischen Freiheitskämpfer. Der homosexuelle Casement freundet sich mit Eivind Adler Christensen an, der sich als Spitzel entpuppt und Casement denunziert. Das Ende ist tragisch, aber vorhersehbar: Der Kelte kehrt 1916 im U-Boot nach Irland zurück, wird verhaftet und als Hochverräter zum Tode verurteilt. Ein homosexueller Vaterlandsverräter hatte keine Chance.

Das ist ein großer tragischer Stoff, den Mario Vargas Llosa ausbreitet. Doch das erzählerische Feuer brennt auf Sparflamme. Dieses Manko ist der missglückten formalen Konstruktion geschuldet. Der Nobelpreisträger seziert Casements Leben in 15 Kapiteln; die ungeraden sind im Londoner Gefängnis angesiedelt, wo er auf seine Hinrichtung wartet.

Durch den ständigen Wechsel der Ebenen schleichen sich zwangsläufig Redundanzen ein. Das langweilt und bremst das Tempo auf Schrittgeschwindigkeit. Dieser gebrochene Held, diese innerlich schon seit der Kindheit zerrissene Figur bewegt sich wie in Zeitlupe vor dem Auge des Lesers.

Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten. Suhrkamp, 450 S., 24,90 Euro. Wertung: !!!::

Von Peter Mohr

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