Aufstieg eines Techno-DJs: Alle lieben Alle Farben

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Jobbte früher als Tortenbäcker und legt nun international auf: Der Berliner DJ Frans Zimmer (28) alias Alle Farben. Fotos: Schmidt/nh

Berlin. Früher hat Frans Zimmer Torten gebacken. Nun ist er unter dem Namen Alle Farben auf dem Weg, Deutschlands erfolgreichster Techno-DJ zu werden.

Frans Zimmer kann sich noch gut an den Moment erinnern, der sein Leben veränderte. Es war der 1. Mai 2012, auf dem Tempelhofer Feld seiner Heimatstadt sollte der Berliner DJ für 5000 Menschen auflegen. Viele Musik-Fans posteten den Termin bei Facebook und schrieben ihren Freunden, dass man das Electro Swing Open Air ja nicht verpassen sollte. Es war herrliches Wetter, und die Polizei drückte beide Augen zu. Am Ende standen 30 000 Menschen vor der Bühne, als Zimmer an sein DJ-Pult schritt. „Ich bin zitternd auf die Bühne gegangen und freudestrahlend wieder runter“, gesteht der 28-Jährige unserer Zeitung.

Seitdem ist Zimmer, der sich in Anlehnung an Friedrich Hundertwasser und dessen bunte Kunst Alle Farben nennt, einer der gefragtesten Elektronik-DJs. Zimmer macht Techno für Leute, die eigentlich keinen Techno mögen und nicht in Clubs gehen. In seinen Mixes können auch schon mal Tschaikowskis „Schwanensee“ oder alte Schlager auftauchen. Auf der Musik-Plattform Soundcloud war Alle Farben zeitweise der meistgesuchte Act – und zwar international.

Manchmal kann sich Zimmer seinen Erfolg selbst nicht erklären: „Ich glaube, ich kam genau zum richtigen Zeitpunkt.“ Wie auf dem Tempelhofer Feld. Und wie damals, als er in seinem Treppenhaus zwei Schallplatten fand, die ein Nachbar dort hingestellt hatte. Der Rock-Fan Zimmer, der bis dahin Musik nur gehört und nicht gemacht hatte, verliebte sich in Trance sowie House, kaufte sich einen Plattenspieler und legte in kleinen Clubs auf.

Mit dem Kunststudium klappte es nicht, stattdessen jobbte er als Konditor und lieferte Torten in Berliner Cafés aus. Wenn Journalisten auch Jahre später noch von der musikalischen Torte schreiben, die Zimmer nun auf dem Plattenteller anfertigt, kann er das selbst nicht mehr hören.

Vielleicht muss man den melodiösen House von Alle Farben nun ohnehin mit anderen Ohren hören. Für sein Debütalbum „Synesthesia“ ist Zimmer zum ersten Mal mit echten Musikern in ein Studio gegangen, statt nur am Rechner zu sitzen. Die 13 Stücke sind mehr Songs als Tracks, es gibt viel Gesang, die Musik klingt organischer, und die Single „She Moves“ mit Gastsängerin Graham Candy könnte der Hit der Saison werden – so wie vorigen Sommer „Stolen Dance“ des Kasseler Pop-Duos Milky Chance und davor „One Day / Reckoning Song“ des Berliner DJs Wankelmut – zwei ähnlich gestrickte Nummern.

Alle drei beweisen, dass es längst egal ist, ob etwas nun Techno, Pop oder was auch immer ist. Musiker bedienen sich heute überall. Früher fand elektronische Musik auf der Loveparade statt, später in Szene-Clubs wie dem Berghain. Heute könnte jemand wie Alle Farben sogar im ZDF-Fernsehgarten auftreten.

Alle Farben: Synesthesia (Synesthesia/Sony).

Wertung: Vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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