Auftakt der Bayreuther Festspiele: Liebe in Zeiten der Gewalt

Der Liebestrank wird verschüttet, nicht getrunken: Evelyn Herlitzius als Isolde und Stephen Gould als Tristan im Bayreuther Festspielhaus. Foto: Nawrath

Bayreuth. Erfolgreicher Auftakt der Bayreuther Festspiele mit Katharina Wagners Sicht auf „Tristan und Isolde"

Was war das? Gerade beklatschen die Bayreuther Festspielbesucher nach der Premiere von „Tristan und Isolde“ die Sänger, die sich vor dem Vorhang zeigen, da öffnet sich dieser für einen Moment, und das Regieteam um Katharina Wagner winkt ins verdutzte Publikum, ohne sich ein weiteres Mal blicken zu lassen.

Angst vor Buh-Orkanen, wie sie Katharina Wagners „Meistersinger“-Deutung an gleicher Stelle erntete? Die wäre unbegründet, denn mit diesem „Tristan“, einem zentralen Werk ihres Urgroßvaters Richard Wagner, dürfte die Festspielleiterin viele Wagner-Fans versöhnt haben. Und dies, obwohl sie dem Publikum den verklärenden „Liebestod“ am Ende verweigert. Nach Isoldes „Mild und leise“-Schlussgesang wird sie vom Zwangsgatten König Marke fortgezerrt, während Tristan endgültig dahinsinkt.

Von mystischer Überhöhung der Liebe, die sich erst im gemeinsamen Tod vollendet, keine Spur. Diese Inszenierung beweist, dass man dem Wagner-Publikum eine Dekonstruktion der Handlung zumuten kann, solange man sich der Mittel konventioneller Opernregie bedient: kein Trash, keine direkten politischen Anspielungen.

So benötigt das dezent blau gekleidete Paar (Kostüme: Thomas Kaiser) auch keinen Liebestrank. Den kippt Tristan aus, nachdem sich die beiden schon zuvor nahegekommen waren. Was nicht leicht ist, denn in dem von dichtem Gestänge durchzogenen Treppengewirr des ersten Aufzugs (Bühne: Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert) fährt schon mal eine Bühnenebene rasant nach oben oder unten.

Katharina Wagner begreift die Gefährdung der großen Liebe als allein von außen kommend. Schlüssig wirkt dies im zweiten Aufzug, der in einem von Scheinwerfern ausgeleuchteten Hochsicherheitstrakt spielt. König Marke – senfgelbe Kostüme weisen ihn und seine Getreuen als Verkörperung des Bösen aus – fordert nicht nur das Recht auf seine Gattin, sondern von Tristan auch bedingungslose Loyalität. Treue ist hier Ganovenehre.

Nicht recht dazu passen will im dritten Akt die komplett vernebelte Bühne, in der mehr und mehr Tristans verzerrte Visionen aufploppen – in Dreiecke eingeschlossene, an Hologramme erinnernde, mal winkende, mal blutige, geköpfte Isolde-Figuren. Ein verblüffender bühnentechnischer Effekt, der sich aber rasch abnutzt.

Mehr äußere Dramatik als ein komplexes Innenleben verkörpert auch Evelyn Herlitzius, die eine Isolde von schier unglaublicher stimmlicher Durchschlagskraft ist. Weichere Töne fehlen dagegen – Grund für ein paar Buhs im starken Beifall.

Stephen Gould singt den Tristan abzüglich kleiner Schwächen im zweiten Aufzug mit großen stimmlichen Reserven, ohne dabei einen greifbaren Charakter zu formen. Umso eindrucksvoller gelingt dies Georg Zeppenfeld. Mit grandiosem Bass führt er König Marke als finsteren, mafiösen Gewaltmenschen vor. Daneben gehen Christa Mayer als Brangäne und Iain Paterson als Kurwenal das hohe stimmliche Niveau mühelos mit.

Und Christian Thielemann? Der frisch berufene Bayreuther Musikdirektor musste erstmals auf dem Hügel auch Buhs aushalten. Sie galten wohl eher der umstrittenen Person als dem Dirigat. Denn was er bei insgesamt ruhigen Tempi an Farben und Nuancen, aber auch an dramatischen Verdichtungen aus dem Festspielorchester herausholt, ist grandios. Allerdings wirkt vieles bei ihm sehr kalkuliert. Der Eindruck, dass sich Thielemann dem musikalischen Sog ausliefert, entsteht nie. Doch das passt zu diesem – trotz allen Bühnenzaubers – sehr nüchternen „Tristan“.

Die Bayreuther Festspiele haben zum diesjährigen Auftakt einen achtbaren Erfolg erzielt. Wegweisend wird man Katharina Wagners Deutung aber nicht nennen können.

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