Vor dem Auftritt beim Hessentag

Vor Hessentags-Auftritt: Campino von den Toten Hosen im Interview

Der Vorturner des Punkrock: Sänger Campino bei einem Auftritt seiner Band Die Toten Hosen 2008 in Mannheim. Foto: Picture-Alliance

Als Punk, hat der Sänger Campino Anfang der 80er einmal gesagt, „muss man gar nichts können“. Die Toten Hosen können jedoch sehr wohl was. Seit mehr als 30 Jahren rocken sie durch die Republik.

Ihr seit Monaten ausverkauftes Konzert an diesem Sonntag im Kasseler Auestadion könnte der Höhepunkt des Hessentages werden. Wir sprachen mit dem Musiker, der in einer Woche 51 wird.

Sie treten im Auestadion auf, wo sonst der Fußball-Regionalligist KSV Hessen spielt. Welchen Trost für die Kasseler haben Sie als Fan von Fortuna Düsseldorf? Der aktuelle Bundesliga-Absteiger musste ja auch mal vierte Liga spielen.

Campino: Ja, auch wir wissen, was es heißt, zu leiden. Vielleicht spielt sich der wahre Fußball in diesen Ligen ab. Man sollte das mal erlebt haben. Es ist eine wichtige Übung, die den Charakter prägt. Im Fall von Fortuna Düsseldorf hat es sogar die Wende gebracht, weil der Verein und die Fans viel gelernt haben. Vielleicht nehmen sich die Kasseler die Fortuna als Beispiel: Selbst in aussichtsloser Situation, mit den richtigen Leuten und ein bisschen Glück kann man aus so einem Teufelskreis rauskommen. Ich war zwar noch nicht im Auestadion, aber Fußballarenen liegen uns besonders gut, weil dort eine ganz spezielle Atmosphäre herrscht.

1984 hat Ihr damaliger Schlagzeuger Trini Trimpop gesagt: „Hannover und darunter, diese Gegend hassen wir. Da leben doch nur Schwachköpfe.“ Sie haben dem nicht so richtig widersprochen. Würden Sie den Satz so stehen lassen?

Campino: Ich weiß den Kontext nicht mehr, in dem wir das gesagt haben sollen. Vielleicht war es ein Scherz, vielleicht wollten wir provozieren. Es kann auch sein, dass bei Trini der Schmerz tief saß, weil bei unserem allerersten Konzert in Kassel alle Besucher auf Stühlen saßen. Das war für uns ein Schock. Wir haben uns dann ebenfalls Stühle genommen und eine halbe Stunde im Sitzen gespielt. Danach sind doch noch alle durchgedreht. Aber die haben uns auf eine harte Probe gestellt. Das ist uns bis heute nur in Kassel passiert.

Mit dem aktuellen Album „Ballast der Republik“ haben Sie einen überwältigenden Erfolg gelandet. Inwiefern waren Sie davon überrascht?

Campino: Das war für uns genauso überraschend wie für alle anderen. Beim Schreiben und im Studio hatten wir eine schwere Zeit. Viele Lieder fanden wir nur durchschnittlich. Wir waren fast am Verzweifeln. Aber am Schluss ist der Knoten geplatzt. Beim Schreiben ist es so, als würde man im Nebel über eine Lichtung gehen. Man weiß nicht, ob die Lösung nur einen Meter entfernt ist oder ob man noch fünf Kilometer wandern muss.

Ist das immer noch Punk, was Sie machen?

Campino: Das haben wir uns nie gefragt. Ich muss ja nicht erklären, was ich mache. Auch kein Maler erklärt sein Bild. Sicher ist, dass wir von dieser Revolution Ende der 70er-Jahre massiv geprägt wurden. Ohne Punk würde sich unsere Musik ganz anders anhören. Wahrscheinlich würden wir gar keine Musik machen.

Inwiefern klingt Ihre Musik mittlerweile anders als früher?

Campino: Ich empfinde keinen Bruch. Es sind vielleicht einige Akkorde dazugekommen, aber wir benutzen dieselben Zutaten wie auf unseren ersten Alben. Vor der Aufnahme von „Ballast der Republik“ haben wir uns vorgenommen, dass wir wieder mehr unsere Liebe zur Popmusik herausarbeiten wollen. Unser Produzent Jon Caffery hat uns schon früher nicht die Jungs von der Opel-Gang genannt, sondern die Jungs von der Vocal-Gang. Unsere Lieder waren nicht kompliziert, aber bereits auf dem ersten Album hört man massig Chöre. Auf diese Wurzeln haben wir uns wieder besonnen.

Ihr Sohn hat einmal gesagt: „Papa, du bist 90 Prozent Pop und nur 10 Prozent Rock’n’Roll.“

Campino: Weil er gekitzelt werden wollte. Er weiß ganz genau, wie er mich ärgern kann. Manchmal ruft er auch: „Du bist wie Unheilig.“ Dann rennt er weg, weil er hofft, dass ich hinterherlaufe und ihn besonders gut kitzle. Für sein Alter hat er schon einen seltsamen Humor. Wenn wir an einem Kiosk vorbeigehen und er etwas von Bayern München oder Manchester United sieht, fragt er, ob ich ihm das kaufen könne, und grinst doof. Ich muss damit leben.

Auf „Ballast der Republik“ gibt es auch wieder Politsongs wie „Europa“, mit dem Sie die Einwanderungspolitik kritisieren. Wie könnte ein Hosen-Lied über Angela Merkel klingen?

Campino: Ich würde das mit Humor angehen. Wenn man in so einem Song über zwölf Zeilen jemanden angreift, wirkt das oft sehr platt. Im Übrigen halte ich sie auch nicht für die Ungeeignetste. Ohne mit ihr die große Friedenspfeife rauchen zu wollen: Sie ist keine Parteisoldatin und oft Pragmatikerin. Zudem überschätzen wir die Kraft ihres Amtes. Die brutalen Entscheidungen über das Wohl eines Landes fallen in der Wirtschaft.

Das Konzert (ausverkauft): Sonntag, 16. Juni, 18 Uhr, Auestadion Kassel. Vorbands: Bad Religion und Turbostaat.

Von Matthias Lohr

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