Aufwühlendes Buch: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht

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Die Ukraine gehört zu Europa: Ein Poster auf dem Maidan, angelehnt an Eugène Delacroix’ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“.

Der Wunsch zu verstehen und verstanden zu werden: Ein aktuelles Buch widmet sich der Revolution in Kiew. Zu Wort kommen Beteiligte und Beobachter des Umsturzes in der Ukraine. Die Autoren appellieren eindringlich an Europa, das Land nicht im Stich zu lassen.

In der Talkshow „Günther Jauch“ hat neulich der 87-jährige einstige SPD-Spitzenpolitiker Erhard Eppler vorgeschlagen, Russen und Deutsche sollten sich an einen Tisch setzen und sich über die Ukraine einigen. „taz“-Redakteur Klaus-Helge Donath erinnerte das an den Hitler-Stalin-Pakt: Im August 1939 hatten sich die verfeindeten Diktaturen friedlich-schiedlich auf die Teilung Polens geeinigt. Die Polen wurden nicht gefragt. Was heute das 45-Millionen-Volk der Ukraine will, ist für einen Erhard Eppler offenbar auch eher zweitranging.

Merkwürdig, dass in der erbitterten deutschen Debatte um die Entwicklung in der Ukraine so selten diejenigen zu Wort kommen, die am meisten dazu sagen können: Protagonisten und Betroffene. Diese Rolle übernimmt im Fernsehen in der Regal Piraten-Vorzeigepolitikerin Marina Weisband. Jetzt ist ein Buch mit 15 Zeitzeugenberichten und Analysen ukrainischer, russischer, deutscher und US-amerikanischer Aktivisten, Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler erschienen, das den Fokus auf den Protest auf dem Maidan richtet.

Ein roter Faden ist der Versuch der Beteiligten und Beobachter, mit mehr oder weniger Distanz zu verstehen, was in den Monaten des Widerstands gegen das korrupte, machtbesessene Janukowytsch-Regime in Kiew geschehen ist, und das geradezu verzweifelte Bemühen, vom Westen verstanden oder wenigstens nicht verunglimpft zu werden. Zu spüren sind das Erstaunen, ja die Fassungslosigkeit über die revolutionäre Plötzlichkeit, Dynamik, Intensität und das unerklärliche Tempo der Ereignisse sowie der Schock über die brutale, blutige und zynische Einschüchterung der friedlich Protestierenden („so etwas wie eine neue Solidarnosc“, „ein weiterer Versuch, die unvollendeten antikommunistischen Revolutionen von 1989 zu Ende zu führen“) durch Milizen - bis hin zu Folter und zu den Heckenschützen, die am 20. Februar selbst die erschossen, die nur Verwundete retten und Tote bergen wollten. Aus den Texten spricht Stolz auf die schiere physische Tapferkeit, die Gemeinschaft, die - auch mithilfe der sozialen Netzwerke - auf dem Maidan entstand, auf den Zusammenhalt, die gegenseitige Unterstützung - und der Schmerz, wenn all das geleugnet und in Abrede gestellt wird.

Die Vorstellung eines faschistischen Putsches sei lächerlich, schreibt die Übersetzerin und Herausgeberin Kateryna Mishchenko: Die russische Propaganda lüge dermaßen schamlos, hysterisch und brutal, „dass man vor lauter Verzweiflung nur noch schreien kann“. Eine groteske Verdrehung, so der Lemberger Psychoanalytiker Jurko Prochaska: „Eindeutig faschistisch“ sei das sowjetnostalgische Russland Putins. Die Lüge als Instrument im Stalinismus und Putin als dessen gelehriger Schüler analysiert der ehemalige „Spiegel“-Redakteur Martin Pollack.

„Wieso ist man in der EU so unzufrieden mit der EU?“, fragt Prochaska bestürzt - die Europäer „sollten sich einmal die Anatomie und Physiologie solch hässlicher Regime anschauen“ wie das von Janukowytsch, Lukaschenko oder Putin. Mykola Rjabtschuk nennt den Aufstand vom Maidan eine „Revolution der Mittelklasse, des Bürgertums, gegen das postsowjetische System eines oligarchischen Quasi-Feudalismus“, der autoritär, rückwärtsgewandt, vormodern sei.

„Europa hat die Augen geschlossen“, beklagt Mischenko. Es müsse aufwachen und begreifen, dass die Ukraine „kein fernes Randgebiet mehr ist, sondern der Schauplatz dramatischer europäischer Veränderungen“. Das mit heißer Nadel gestrickte, aber wichtige Buch ist ein einziger dramatischer Appell an Europa, Hochmut, Desinteresse, Argwohn und Misstrauen fallen zu lassen und diejenigen Ukrainer nicht im Stich zu lassen, die für Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung ihr Leben riskiert und geopfert haben. „Viele von uns sind enthusiastisch, sie leben in der Überzeugung, die Verwirklichung der europäischen Idee findet gerade hier statt, wir sind es, die einen prometheischen Funken in das schläfrige, schlaffe, erschlaffte Europa bringen“, schreibt Prochasko.

Putins Aggressionen und Propaganda hätten ihre Ursache darin, dass er die Revolution in Kiew fürchte - weil sie „antiimperial, freiheitlich, westlich im wahrsten Sinne des Wortes ist“. Sie bedrohe alles, worauf er sich stützt: „In Wirklichkeit geht es darum, das prometheische Feuer zu löschen, den Präzedenzfall zu verhindern.“ Und Rjabtschuk glaubt: „Eine moderne europäische Ukraine könnte tatsächlich einen tödlichen Schlag sowohl für das Putin-Regime bedeuten als auch für eine spezielle Form von autoritärer Ideologie und russischer Großmacht-Identität, in der eine Ansammlung vormoderner Werte und Haltungen zum Ausdruck kommt.“

Für die Schriftstellerin Katja Petrowskaja war dieses „In-der-Kälte-dort-in-Kiew-auf-dem-Maidan-Stehen-Gott-weiß-wie-lange-und-ob-wir-gewinnen tausendmal europäischer als unser Sitzen in den warmen Berliner Stuben“.

Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Hrsg. von Juri Andruchowytsch. edition suhrkamp, 208 S., 14 Euro, Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

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