Ernüchterne Halbzeit-Bilanz beim „Ring“ - Johan Botha triumphiert bei seiner Bayreuth-Premiere

Augen schließen und zuhören

Szene aus dem „Rheingold“: Die Rheintöchter auf Riesen-Kieseln. Fotos: dpa

Bayreuth. Nach Hans Neuenfels’ rattenscharfem „Lohengrin“ wird in Bayreuth wieder über das „Regietheater“ diskutiert. Genervt gab Stefan Herheim, als Regisseur des Bayreuther „Parsifal“ ein Betroffener, zurück: „Regie ist Interpretation. Und ohne Interpretation geht es nicht.“

Einer hat es immerhin versucht: Tankred Dorst (84). Seine 2006 entstandene Inszenierung des vierteiligen „Rings des Nibelungen“ wird jetzt zum letzten Mal gespielt. Und nach dem „Rheingold“ und der „Walküre“ fällt die Halbzeitbilanz ernüchternd aus.

Da gibt es dieses wunderschöne Bild des Rheins: Gewaltige Kieselsteine bilden den Grund, an der Wasseroberfläche tummeln sich nackte Schwimmerinnen. Hier beginnt das Weltendrama um Gier und Macht mit dem Raub des Rheingolds durch den Nibelungen Alberich. Einen szenischen Grund dafür gibt es aber nicht: Statisch sitzen die drei Rheintöchter auf dem Grund des Flusses. Wie sie den krötenhaften Alberich mit ihren Kränkungen „Pfui, du haariger, höck’riger Geck“ reizen, ihn dazu bringen, für das Gold der Liebe abzuschwören, bleibt ein Rätsel.

Dieses Muster wiederholt sich: Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann entwirft tolle szenische Tableaus, in denen sich kaum Aktion entwickelt. Besonders ärgerlich im zweiten Akt der „Walküre“, der Auseinandersetzung zwischen Göttervater Wotan und seiner Gattin Fricka. Als Fricka auf das Gesetz der Sitte pocht und Wotan zwingt, das ehebrecherische Inzestpaar Siegmund und Sieglinde zu opfern, von dem er sich die Rückgewinnung des Nibelungenrings erhoffte, bekommt das Drama seine entscheidende Wendung.

Doch Fricka (Mihoko Fujimura) blickt ihren Göttergatten (Albert Dohmen) im grandiosesten Ehestreit der Operngeschichte nicht ein einziges Mal an. Statuarisch steht sie an der Rampe - und statisch wirkt auch ihr Gesang. Selbst Dorsts spannende Idee, die archaischen Götter in einer heutigen Welt agieren zu lassen - allerdings von den vorbeikommenden Menschen unbemerkt - bleibt Dekoration: Die beiden Welten berühren sich nicht.

Das Rezept der Regietheater-Gegner, Augen schließen und zuhören - hier hilft es gelegentlich angesichts des Fehlens von Regie. Denn der Dirigent Christian Thielemann (51) ersetzt die fehlenden szenischen Impulse mit seiner ungeheuer spannungsreichen und plastischen musikalischen Gestaltung. Kein Zufall, dass dieser „Ring“ jetzt zwar auf CD erschienen ist, aber nicht auch als DVD.

Hält sich Thielemann beim Konversationsstück „Rheingold“ dynamisch bis auf die letzte Szene noch zurück, so öffnet er den Klang in der „Walküre“ so weit, wie seine Sänger es erlauben. Da gibt es allerdings wenig Probleme: Albert Dohmen (Wotan), Linda Watson (Brünnhilde), Mihoko Fujimura (Fricka), und Kwangchul Youn (Hunding) bilden ein starkes Ensemble.

Einen musikalischen Knalleffekt zum Abschied setzt indes das neu engagierte Zwillingspaar: Edith Haller ist eine anrührende Sieglinde von beeindruckender Klangfülle. Zum Triumph aber wurde das Bayreuth-Debüt des Weltstars Johan Botha als Siegmund: Keine Ahnung, welche Reserven dieser Sänger noch hätte - ausgereizt wirkte sein superklarer Heldentenor nie. Dabei hat er sowohl den „Peng“ („Wälse“-Rufe) als auch die lyrischen Farben (Todverkündigung). Nur schade, dass er auf der CD des Thielemann-„Rings“ noch nicht zu hören ist.

Von Werner Fritsch

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