Das Museum Folkwang blickt auf seine reiche Sammlung vor 1933 zurück - ein Dialog findet nicht statt

Augenschmaus ohne Perspektive

Zu Gast aus Philadelphia: Marc Chagalls Gemälde „Das Purimfest“ (1916–1918) zählt zu den Höhepunkten der Leihgaben, die früher zur Sammlung Folkwang gehörten. Fotos: Museum Folkwang

Essen. Ob es wirklich das schönste Museum der Welt gewesen sein könnte? Da wollte sich Kurator Uwe M. Schneede nicht festlegen. Aber es sei das Haus mit dem reichsten Bestand an Werken der Klassischen Moderne aus Frankreich und Deutschland gewesen und obendrein das einzige, das diese Arbeiten mit Objekten aus außereuropäischen Kulturen konfrontiert hätte.

Als „das schönste Museum der Welt“ hatte der amerikanische Kunsthistoriker Paul J. Sachs das Museum Folkwang 1932 bezeichnet. Nun hat sich das Essener Haus unter diesem Titel an einer Rekonstruktion der damaligen, berühmten Sammlung bis 1933 versucht. Denn schon wenige Monate nach dem Besuch des Mitbegründers des New Yorker MoMA geriet die Sammlung ins Visier der Nationalsozialisten. 1937 wurden 1456 Werke als „entartet“ eingestuft, konfisziert und die meisten 1939 in Luzern versteigert. Heute gehören sie zum Sammlungsbestand großer Museen in Europa und den USA.

Nur die wenigsten konnten nach 1945 zurückerworben werden. Und nur wenige, nämlich 34, sind tatsächlich als Leihgaben von Museen aus Hamburg und München, Wien und Basel sowie mehreren Häusern in den USA nach Essen zurückgekehrt. Ihren herausragenden Stellenwert erhält die Ausstellung denn auch eher durch das Offenlegen der historischen Wurzeln.

Nicht nur für heutige Zeitgenossen ist es ein Augenschmaus, bedeutenden Gemälden von Manet, van Gogh, Gauguin, Cézanne, Renoir, Signac, Matisse und Derain, den Werken von Kirchner, Nolde, Macke, Marc, Klee, Schlemmer, Kandinsky und Chagall sowie Plastiken Rodins, Minnes und Maillols zu begegnen. Erst recht muss es das für die Menschen der 20er- und 30er-Jahre gewesen sein.

Zu den damaligen Pionierleistungen gehörte der Aufbau einer umfangreichen Sammlung von Objekten außereuropäischer Kulturen. An ihr hatten die Nazis kein Interesse gezeigt. Sie fristete allerdings seit 1945 ihr Dasein fast ausnahmslos im Depot. Nun können rund 250 Exponate entdeckt werden: Grabbeigaben aus dem antiken Ägypten, japanische Theatermasken aus mehreren Jahrhunderten, Schattenspielfiguren aus Java vom Beginn des 20. Jahrhunderts und Figuren für rituelle Zeremonien aus Ozeanien.

Die Objekte werden jedoch nicht wie ursprünglich mit Bildern und Plastiken in einen Dialog verwickelt, sondern wirken in ihren, den unterschiedlichen Herkunftsgebieten gewidmeten Dämmerlicht-Kabinetten ein bisschen an den Rand gedrängt. „Die Kulturen sollen in ihrem Eigensinn ernst genommen werdem“, erklärt Kurator Schneede, vormals langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle, seine Idee der räumlichen Trennung. So fällt es nicht leicht, die Folkwang-Sammlung als Einheit und ihren universalistischen Ansatz zu verstehen. Mit der Ausstellung „Das schönste Museum der Welt“, die zum Programm der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 gehört, wolle man sich der eigenen Geschichte vergewissern und neue Perspektiven für die Zukunft des Museums entwickeln, so Folkwang-Direktor Hartwig Fischer. Für den zweiten Teil der Aufgabenstellung liefert die Schau hingegen kaum Erkenntnisse.

Bis 25. Juli, Museum Folkwang, Bismarckstr. 60. Infos: Tel. 0201/8845-444, www.museum-folkwang.de. Der Katalog kostet 29 Euro, ein Essayband 12 Euro.

Von Ulrich Traub

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