Interview mit Dirk Schwarze

Ausbau des documenta-Archivs: „In neuen Dimensionen denken“

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Dirk Schwarze

Kassel. Wird das städtische documenta-Archiv zu einem documenta-Zentrum weiterentwickelt? Hessens Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann hat die grundsätzliche Bereitschaft des Landes erklärt, beim Ausbau einzusteigen. Wir fragten Dirk Schwarze, Vorsitzender des documenta-Forums, nach dem Stand der Dinge.

Herr Schwarze, sehen Sie nun neue Perspektiven?

Dirk Schwarze: Ja, ganz bestimmt. Wir waren mit relativ geringen Erwartungen in die Diskussion gegangen, weil sich nicht abgezeichnet hatte, dass Frau Kühne-Hörmann eine Mitverantwortung des Landes für den Ausbau des documenta-Archivs signalisieren würde. Das ist immer noch keine konkrete Zusage, aber es gab schon Zeiten, in denen die Ministerin es als Zumutung empfunden hatte, über das documenta-Archiv zu diskutieren. Insofern ist das ein Fortschritt.

Die Ministerin hat aber Einschränkungen gemacht: Zum Beispiel, dass die documenta-Ausstellungen durch Aktivitäten eines documenta-Zentrums nicht beschädigt werden dürften. Würde diese Gefahr überhaupt bestehen?

Schwarze: Die sehe ich überhaupt nicht. Es geht ja nicht darum, das Archiv als eine zweite Kunsthalle zu installieren. Wer heute nach Kassel kommt, erfährt nichts über die documenta. Das Archiv müsste mit Ausstellungen in die Öffentlichkeit hineinwirken, also beispielsweise Kassel-Besucher über die documenta-Geschichte, Außenkunstwerke oder Erwerbungen für die Neue Galerie informieren. Der documenta-Tisch, den es im Dock 4 gibt, war ein erster Versuch zur Vermittlung. Aber er müsste besser da stehen, wo das Zufallspublikum vorbeikommt. Und das Archiv müsste Teilaspekte des Bestandes oder seine Aktivitäten so spiegeln, dass sich Besucher dort informieren können.

Die zweite Bedingung war eine streng wissenschaftliche Ausrichtung des Archivs, das womöglich an der Kunsthochschule angesiedelt werden könnte. Also eher als documenta-“Institut“ denn als „Zentrum“.

Schwarze: Ich sehe da keinen großen Widerspruch. Es geht im documenta-Archiv zu 90 Prozent um Forschung und zehn Prozent Vermittlung in die Öffentlichkeit. Aber die Rolle der Vermittlung ist nicht zu unterschätzen.

Dritte Bedingung der Ministerin: Es müsse eine „breite Bewegung“ geben, die documenta müsse in der Stadt verankert sein. Ist sie das nicht längst, sind nicht 850000 Besucher ein schlagendes Argument?

Schwarze: Gerade die jüngste documenta hat gezeigt, dass sie wirklich in Kassel angekommen ist. Diese breite Bewegung für das Archiv zu erwarten wäre aber illusorisch, dazu ist das Thema zu sperrig. Aber da kommt ein anderer Punkt ins Spiel: Frau Kühne-Hörmann hat wiederholt ein Konzept eingefordert. Doch konkrete Überlegungen gibt es seit sechs Jahren - ursprünglich unter Beteiligung des Landes. Es gibt auf dieser Basis einen einstimmigen Stadtverordnetenbeschluss für einen Ausbau zu einem documenta-Zentrum. Nur herrschte seit 2009 auf Landesseite Funkstille.

Welche Entwicklung sehen Sie jetzt?

Schwarze: Alles spricht dafür, dass man in neuen, größeren Dimensionen denken muss. Das documenta-Archiv nimmt unter vergleichbaren Archiven eine führende Rolle ein. Es könnte auch das eingliedern, was andernorts - etwa bei der Berlin-Biennale, in der Bundeskunsthalle oder bei den Skulptur Projekten in Münster - passiert. Das wäre hochinteressant, all das zusammenzuführen und zumindest digital zu vernetzen. Wenn alle ernstnehmen, dass wir in Kassel einen Schatz haben, den wir bundesweit zur Geltung bringen können, müssen sie über eine solche Öffnung nach außen nachdenken.

Das Fernziel wäre: Das, was das Deutsche Literaturarchiv Marbach für die Literatur ist, könnte Kassel für die Kunst werden.

Schwarze: Genau das wäre die Perspektive.

„Was zwischen der documenta ist, ist nicht Sache der documenta GmbH“, auch das ist ein Zitat der Ministerin. Aber wäre es nicht die naheliegende Lösung, Archiv und GmbH zu verklammern?

Schwarze: Ich bin erstaunt, dass es, wie ich erst kürzlich erfahren habe, keinerlei vertragliche Grundlagen für die Aktenweitergabe von der GmbH ins Archiv gibt. Eine solche Regelung müsste als Erstes erfolgen. Das andere ist die Frage der erweiterten Trägerschaft. Ich habe immer eine Trägerschaft unter dem Dach der GmbH favorisiert. Da wäre das Land mit dabei. Die Entscheidung darüber könnte man aber aufschieben, um erst einmal bundesweit einen Pflock einzuschlagen, etwa mithilfe der Bundeskulturstiftung. Dann könnte sich später neben der GmbH-Lösung auch eine Stiftung oder ein eigenständiges Institut anbieten.

Frau Kühne-Hörmann nannte eine Zahl, nämlich die Investitionssumme von 40 Mio. Euro. Ist sie realistisch?

Schwarze: Das ist natürlich wahnsinnig schwer zu sagen, weil man wissen muss, welche Zielvorstellung die Ministerin im Sinn hat. Klar ist nur, dass, wenn man in einer neuen Dimension denkt, es nicht nur um einige hundert weitere Quadratmeter geht, sondern um einen räumlichen und personellen Ausbau insgesamt.

Vor der Landtagswahl wird sich nichts mehr bewegen lassen. Würde eine SPD-geführte Regierung den Wünschen aus Kassel leichter gerecht? Oder schaut man in Wiesbaden dann auch in leere Kassen und sagt: Das Archiv ist eine städtische Einrichtung?

Schwarze: Solche Gefahren gibt es immer. Aber ich kann mir vorstellen, dass es nach der großen Wirksamkeit der documenta 13 in die Öffentlichkeit hinein möglich werden müsste, alle Entscheidungsträger einzubinden. Ein Wahlkampfthema ist das documenta-Archiv nicht. Damit lassen sich sowieso keine Wahlen gewinnen.

Sie könne sich „ganz viel vorstellen“, erklärte die Ministerin. Ihrer Vorstellungskraft nach: Wo steht das Archiv in fünf oder zehn Jahren?

Schwarze: Fünf bis zehn Jahre wird es schon brauchen, bis eine Neuaufstellung spürbar ist. Wir haben ja schon eine intensive zehnjährige Diskussion hinter uns. Wenn jetzt der erhoffte Dialog beginnt, Land und Stadt gemeinsam arbeiten, wird es realistischerweise zwei oder drei Jahre dauern, bis räumliche Weichenstellungen erfolgt sind. Deshalb müssen provisorische Lösungen gesucht werden, damit das Archiv die Akten der documenta 13 überhaupt aufnehmen kann. Deshalb ist es eine gute Idee, zumindest vorübergehend das Nachbargebäude vom Dock 4 in der Unteren Karlsstraße zu nutzen, in dem früher die Volksbühne und zuletzt die documenta-Leitung saßen.

Wie kann das documenta-Forum nun vorgehen?

Schwarze: Wir übernehmen gerne die Moderatorenrolle, um die Diskussion weiter voranzubringen.

Von Mark-Christian von Busse

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