Die Ausdruckstiefe des jungen Bach

Kasseler Bachchor und Norbert Ternes in der Christuskirche

Kassel. Gerade mal 22 Jahre alt war Johann Sebastian Bach, als er in Mühlhausen im Nordwesten Thüringens seine geniale Kantate „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ komponierte.

1707 oder 1708 entstand dieses auch unter dem Namen „Actus tragicus“ bekannte Frühwerk.

Seine Ausdruckstiefe war nun in der sehr gut gefüllten Christuskirche zu erleben. Unter der Leitung von Norbert Ternes boten der Kasseler Bachchor, das Telemannische Collegium Michaelstein sowie die Solisten Sophia Franke (Sopran), Richard Franke (Tenor) und Johannes Wollrab (Bass) eine stimmige Aufführung dieses so besonderen Werks. Neben der gedrängten Expressivität fasziniert seine unregelmäßige Form, denn es gibt noch keine in sich geschlossenen Da-capo-Arien wie in Bachs späteren Kantaten.

Norbert Ternes

Souverän führte Norbert Ternes durch die Tempowechsel. Gut vorbereitet zeigte sich der Bachchor, er sang auch den schnellen Schlussteil mit Verve. Viel zur Atmosphäre trug der instrumentale Originalklang mit seinen Blockflöten und Gamben bei. Auf die bewegende Musik folgte Stille, erst dann setzte in der Christuskirche langer Beifall ein.

Vor dem „Actus tragicus“ hatte es zwei andere spannende Bach-Kantaten gegeben: die Weimarer Kantate „Komm, du süße Todesstunde“ mit anspruchsvollen Aufgaben für Tenor- und Sopransolo sowie die faszinierend kleingliedrige Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich“. Letztere ist ein ganz frühes Bach-Werk mit einer gewichtigen Spur im 19. Jahrhundert: Das Passacaglia-Thema des Schlusschores hat Johannes Brahms im Finale seiner 4. Sinfonie aufgegriffen.

Von Georg Pepl

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